R.A.G.E! - Wut tut gut!

Regie

Wut ist ein Gefühl wie Freude oder Trauer, doch die gesellschaftliche Akzeptanz für diese Emotion könnte nicht ambivalenter sein. Während wütende Männer als besonders maskulin, kämpferisch und willensstark gelten, sind wütende Frauen unerwünscht, schwierig, eigensinnig und kompliziert.

Obwohl Wut ein menschliches Gefühl ist, das kein Gender besitzt, haben gerade als Frauen gelesene Personen ein ganz anderes Verhältnis zu ihrer Wut als Männer. Laura Schinzel, Regie-Studierende im zweiten Jahrgang richtet in ihrer Inszenierung R.A.G.E! ihren Blick auf die vielen Facetten weiblicher Wut und zeigt, dass Wut nicht in Zerstörung enden muss, sondern ein Katalysator für positive Veränderung sein kann.

Zu Beginn des Stück spielen die beiden Schauspielerinnen Pia Amofa-Antwi und Estelle Schmidlin Fangen, sie lachen und stupsen sich an. Als durch Lichteffekte und Nebelmaschine eine Gewitterwolke aufzieht, erzählen weibliche Stimmen als Voice Over von ihrer Wut. Sie antworten auf Fragen wie „Wann warst Du das letzte Mal wütend und wie hat sich das angefühlt?“, „Warum bist Du wütend?“ oder „Was liebst Du an deiner Wut?“. Die Antworten auf diese Fragen fallen ganz unterschiedlich aus: Ein Wutausbruch ist für eine Frau eine donnernde Gewitterwolke, die sich entlädt, für eine andere Frau fühlt sie sich an wie ein Gewölle, das eine Katze hervorwürgt. Die Voice Overs zeigen, dass Wut eine höchst individuelle Emotion ist. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen von Frauen werden gesellschaftlich jedoch selten thematisiert. 

Im Gespräch erzählt Regieassistentin Emma Rehumäki, wie das Ensemble den Stoff für R.A.G.E! geschrieben hat. Als Ausgangspunkt diente dabei das Buch Wut und Böse der Autorin Ciani-Sophia Hoeder. Es behandelt unterschiedliche Facetten weiblicher Wut, die die Studierenden gemeinschaftlich erarbeitet und diskutiert haben. Gepaart mit persönlichen Erfahrungen wurden verschiedene Bilder erzeugt, die sich in vielseitigen Szenen ausdrücken.

Szenenwechsel: Pia und Estelle liegen auf dem Boden. Estelle erzählt, wie sie als Kind am Schulhof ihren Bruder verteidigt hat. Ihre Wut hatte sie angetrieben, einen Jungen, der ihren Bruder gehänselt hatte, mit ihren scharfen Fingernägeln zu verletzten und in die Flucht zu schlagen. Als Folge hatte sie von ihm einen Liebesbrief erhalten. Mit ihrer Wut gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, hatte sie nicht nur mit Stolz erfüllt, sondern ihr Respekt und Anerkennung verschafft. 

Auch andere Szenenbilder zeigen, dass Wut ein sehr positives Gefühl sein kann, indem sie ein Katalysator für positive Veränderung ist. Ein Faul am Fußballfeld kann nicht nur ungerecht sein, sondern auch zündende Antriebskraft, um für sich selbst einzustehen. Adrenalinkick und Motivation, um für sich zu kämpfen. Gleichsam sind Tränen vor Wut nicht Bestätigung des gesellschaftlichen Bildes einer „schwachen, emotionalen Frau“, sondern ein Zeichen von Stärke und sollte viel stärker kultiviert werden. 

rage room - Gametime Baby

Eine der prägnantesten Szenen des Stücks ist die Pia-Show. Pia ist Showmasterin, Estelle Kandidatin. Pia beschreibt eine Situation. Vollendet Estelle diese mit den passenden Worten, gewinnt sie fünf Minuten im rage room. Der rage room ist ein Raum, in dem Frauen ihrer Wut freien Lauf lassen können. Sie können laut schreien und auf Gegenstände einschlagen. Pia schildert Situationen, denen Frauen alltäglich begegnen. Ob sexistische Sprüche vom Chef am Arbeitsplatz, erniedrigende Beleidigungen von Männern, deren Avancen abgelehnt wurden, Frauen, die mit Menstruationsschmerzen zu kämpfen haben, oder Frauen, die Missstände des Patriarchats anprangern und für ihre Rechte einstehen. Die Art und Weise, wie Pia und Estelle dieses Spiel spielen, ist amüsant und bitter zugleich. Denn die fehlenden und stereotypischen Antworten sind blitzschnell zu erraten. Aber in der Pia-Show sind Frauen nicht hysterisch, sondern hyperkorrekt, weil sie männlichem Fehlverhalten die Stirn bieten. Frauen sind nicht kompliziert, sondern Komplizinnen, weil sie auch andere Frauen unterstützen. Frauen sind keine Schlampen, sondern schlau, weil sie um ihren Selbstwert wissen. Und Frauen sind nicht anstrengend, sondern ansteckend, in ihrer Wut und dem Wunsch danach, diese auszuleben. Emma Rehumäki erzählt, dass der ursprüngliche Gedanke dieses Spiels dem Quiz-Format einer Talkshow galt. Interessant war dabei, mit der Erwartungshaltung des Publikums zu spielen. Eine Liste mit Wörtern, wie Frauen in unterschiedlichen Situationen beschrieben werden, diente hier als Vorlage. Ziel war es, klassische Stereotype aufzubrechen und den neuen Blickwinkel mit positiven Konnotationen zu versehen. Die beschriebenen Situationen sind reale Erlebnisse der Studierenden und auch Auslöser ihrer persönlichen Wut. Der rage room ist aber nicht nur positiv anzusehen, denn die Tendenz, dass Frauen ihre Wut ausschließlich in diesem geschlossenen Raum, aber nicht im realen alltäglichen Leben ausleben dürfen, begünstigt weiterhin patriarchale Gesellschaftsstrukturen.

Mut zur Wut!

Ein großes Anliegen, erzählt Emma Rehumäki, war es, der weiblichen Wut eine Bühne zu geben und weiblichen Stimmen Gehör zu verschaffen. Sie soll gezeigt und ausgelebt werden, denn in der Gesellschaft wird sie kaum thematisiert. Die eigene Wut zu erkennen und zu verbalisieren, ist gar nicht so einfach, doch das Stück R.A.G.E! bietet Hilfestellung. Es fordert das Publikum auf, nach seiner Wut zu suchen und sie zu finden, sie zu fühlen und auszuleben. Wut kann im Hals stecken. Dann kann lautes Schreien dabei helfen, sie rauszulassen. Da weibliche Wut schambehaftet ist, versteckt sie sich oft hinter Traurigkeit, Schmerz oder Enttäuschung. Doch R.A.G.E!  zeigt, dass hinter Wut auch Motivation, Gerechtigkeitssinn und Liebe stecken kann. Wut ist ein wichtiger Wegweiser zur eigenen Identität, zu Wertvorstellungen und Bedürfnissen. Sie kann vor allem Schutz bieten vor Ungerechtigkeit, Missstände aufzeigen und zündende Kraft für politische und gesellschaftliche Veränderungen sein. Emma Rehumäki wünscht sich, frei zu ihren Emotionen stehen zu können, ohne kategorisiert zu werden, ohne auf eine bestimmte Art zu wirken und sich selbst erlauben zu können, wütend zu sein und öffentlich zu zeigen, was man möchte und was nicht. Ein Wunsch, den viele Frauen teilen. „Wenn wir ein Chor sein wollen, dann sind wir einer“, ein Satz den Pia und Estelle willensstark hervorrufen. Wenn wir uns selbst und unseren Mitmenschen Wut erlauben, kann auch der Weg für positive Veränderungen geebnet werden. Ein lauter Schrei aus voller Brust wäre schon mal ein Anfang. Ein Versuch ist es allemal wert und es ist erschreckend, wie gut sich das anfühlt!

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