Theatermusik als Raum - Workshop: Theatermusik Live – Spielformen und Prozesse

Regie Dramaturgie

Workshop "Theatermusik - Live. Spielformen und Prozesse". Kooperation zwischen dem DFG Projekt "Theatermusik heute als kulturelle Praxis" der LMU München (Prof. Dr. David Roesner, Tamara Quick) und der Regieklasse der Theaterakademie August Everding (Sebastian Baumgarten). In Kooperation mit dem Programm "Werksviertel-Mitte Kunst"

Ankommen: Raum für Entfaltung

Im lichtdurchfluteten Gastatelier der whiteBOX im Werksviertel Mitte („Raum für Entfaltung“, whitebox.art/konzept/) versammeln sich gerade Musiker*innen und Performer*innen, Regie-Studierende, Instrumentenkoffer, MIDI-Keyboards und Mikrofone. Zwischen ihnen manövrieren David Roesner und Tamara Yasmin Quick, begrüßen die Gäste, starten einen Live-Stream und organisieren letztes Equipment. David und Tamara leiten seit einigen Jahren ein großes Forschungsprojekt an der LMU: "Theatermusik heute als kulturelle Praxis“. Sie untersuchen den schwierig zu fassenden und vielschichtigen Bereich des Musikalischen im zeitgenössischen Sprechtheater und all seinen Hybridformen. Eine Kunstform, die in der Praxis immer sehr präsent war, in der Forschung jedoch nie viel Beachtung gefunden hat. Für das Projekt hat David Roesner, Professor für Theaterwissenschaft, mit über zwanzig Theatermusiker*innen Interviews geführt, die er in einer Publikation zusammengefasst und veröffentlicht hat. Tamara Quick, wissenschaftlichen Mitarbeiterin und selbst auch Dramaturgin, hat viele Probenprozesse unterschiedlicher Regieteams begleitet und dokumentiert. Für die dritte Säule der Forschungsarbeit haben wir uns hier versammelt: Ein gemeinsam von der Theaterakademie und der LMU initiierter zweiwöchiger Workshop, der junge Künstler*innen und Theaterstudierende zusammenführt und untersuchen will, wie Musik, Text und Performance miteinander interagieren. Die praktische Leitung des Workshops übernehmen Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, die seit vielen Jahren in allen musikalischen Bereichen des Theaters unterwegs sind. Langsam werden Plätze eingenommen, allgemeines Stühlerücken, die Aufzeichnung läuft. Der Live-Stream sendet unsere Präsenz zu den Theaterwissenschaft-Studierenden von David Roesner, die aufgrund der Corona-Beschränkungen nicht live dabei sein können.

Theorie: Theatermusik als Raum
Sebastian und Thomas dürfen den Impulsvortrag zur Eröffnung halten. Sie beschreiben das gemeinsame wechselseitige Entwickeln und Befruchten von Musik, Musikalischem, Geräuschhaftem, Sprache, Text, Körper und Inszenierung im Theaterraum: Während die Geräusche der Welt, die Sprache und die Performance selbst zur Musik werden kann und die Musik wieder zur Performance und Inszenierung entwickelt sich irgendwo dazwischen ein Raum, dem wir das Label Theatermusik gegeben haben. Wie dieser Raum zu füllen ist, ist letztlich offen und kann nur durch Experiment und den ständigen Versuch herausgefunden werden. Und dafür sind wir ja schließlich da.

Praxis: Sprechopern, Körpermusik
Die Gruppen, in die wir eingeteilt wurden, setzen sich aus einer*m Regisseur*in, einer Performer*in und einer*m Musiker*in zusammen. Dazu gibt es einen Text (flächig: Elfriede Jelinek, Helmut Krausser, Robert Musil), einen Raum, dies und jenes an Equipment, Selbstmitgebrachtes. Ich zitiere am besten die Aufgabenstellung:
Zu einem vorgegebenen kurzen Text soll in Teams, bestehend aus einem/r Regisseur*in, einem/r (Theater)musiker*in und (optional) einem/r Schauspieler*in eine theatrale Szene bzw. eine performative Form entwickelt werden, wobei das Live-Musizieren auf der Bühne (instrumental, mit Stimme / Gesang, elektronische Live-Musik, Percussion o.Ä.) als theatraler Akt inszenatorisch im Fokus stehen soll.
Soweit.

Jede Gruppe hat drei zweistündige Slots: das macht sechs Stunden Probieren, Lesen, Diskutieren, Jammen, Neustarten, Versuchen, Verwerfen, Versuchen, Verwerfen, Performen. Der Prozess ist das Ziel, es gibt keine Präsentation, sondern alle Räume sind ständig offen, alle dürfen kommen und gehen, beiwohnen, beobachten, mitmachen.

Was in den ersten fünf Minuten (gefühlte Zeit!) wie ein Ausstellen der manchmal doch sehr fragilen ersten Probenmomente anmuten konnte, entwickelte sich wenige Augenblicke später zu einem offenen Raum des Austauschs. In unterschiedlichsten konzeptionellen Ansätzen wurde die klare Grenze zwischen Performer*innen, Musiker*innen und Regie immer wieder produktiv eingerissen. Songs, Sprechopern, Körpermusik und Jam Sessions wuchsen neben Theaterszenen und da wo irgendwer fehlen musste, sprangen die Kommiliton*innen kurzerhand ein.

Zwischen und während den Probiersessions kann man* die Kolleg*innen, die gerade nicht auf der Szene gebraucht werden immer wieder kaffeetrinkend vor der whiteBOX treffen: ein paar Minuten durchatmen, reflektieren, austauschen abhängen. Auch in gesammelter Runde kommen wir immer wieder zusammen, besprechen das Gesehene: beschreiben für diejenigen, die in einem anderen Raum beobachtet oder mitgearbeitet haben. 

Zusammenfassen: Helles Halliges
Theatermusik ist ein Raum. Oder mehrere. Und das Räsonieren der Menschen, Musiken, Texte, Instrumente, Objekte darin. Was der Workshop nicht war: Das „Nachstellen“ einer Probensituation wie wir sie im Theater vorfinden, eines langen Prozesses mit viel Zeit und (manchmal mehr, manchmal weniger) Kapazitäten, Ressourcen: eine intime dunkle Kammer. Dafür etwas anderes. Etwas, das gar nicht da sein könnte auf einer Stadttheaterprobebühne: ein helles halliges Raumgeflecht mit offenen Türen und Strukturen, in dem gerade durch die Ressourcenknappheit und Spontanität etwas Neues entstehen konnte, eine zugängliche und ergebnisoffene Atmosphäre, flexible Strukturen und Rollen, berührende lustige absurde Momente, irgendwas wie Musik.

©Agnes Wiener

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