Connected in distance - Opéra de-ci de-là in Aix en Provence

Dramaturgie

Was lange währt, wird am Ende gut! Hier berichtet die Dramaturgie-Studentin Paulina Platzer über den Workshop „Opéra de-ci de-là“ der Académie des Festival d`Aix-en-Provence, der aufgrund der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben werden musste und im Juni 2021 endlich live und vor Ort stattfinden konnte.

Teilnehmer*innen aus der ganzen Welt trafen sich in Aix-en-Provence für die praktische Umsetzung der Mini-Opern, die sie zuvor ein Jahr lang über Zoom gemeinsam konzipiert hatten.

 

Nach über einem Jahr in der Schwebe konnten wir unser Glück kaum fassen, als wir die Nachricht erhielten, dass der eigentlich für 2020 geplante Workshop "Opéra de-ci de-là" im Juni tatsächlich vor Ort in Aix en Provence nachgeholt werden sollte.

Seit Beginn des letzten Jahres hatten wir in unseren Gruppen kontinuierlich an unseren Kepler-Opern gearbeitet, unterstützt von Workshop-Leiter Anthony Heidweiller und inspiriert von unterschiedlichen Keynotes via Zoom. Mit Blick auf die neuen Verordnungen und den nicht endenden Lockdown hatten wir die Hoffnung Anfang Mai schon fast aufgegeben, doch das Festivalteam wollte sich nicht mit einer Online-Edition zufrieden geben und die Mühe zahlte sich aus.

So hieß es am 6. Juni 2021 tatsächlich Kofferpacken und Abfahrt Richtung Frankreich. Nach einer zehnstündigen Zugfahrt und einer kurzen Nacht versammelte ich mich am nächsten Morgen zusammen mit allen restlichen Teilnehmer*innen vor dem Hotel. Obwohl wir uns noch nie zuvor gesehen hatten, war das erste Aufeinandertreffen mehr als vertraut, schließlich hatte uns dieser Workshop die gesamte Pandemie via Zoom begleitet. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg in den Innenhof des Cloître des Oblats, der die nächsten fünf Tage unser Arbeitsplatz sein würde. Schöner kann eine Probebühne wohl kaum sein. Let the rehearsals begin!

Ausgerüstet mit unserer Komposition, einer Nickelharfe und zwei wundervollen Mezzosopran-Stimmen begannen wir in unserem Team die musikalischen Proben. Leider hatten es aufgrund der unterschiedlichen Reisebestimmungen nicht alle Teilnehmer*innen des Zoom-Workshops nach Aix-en-Provence geschafft. Auch wir mussten wohl oder übel auf eines unserer Teammitglieder verzichten. Trotz aller Bemühungen um Visum und Quarantäne-Aufenthalte hatte die iranische Komponistin unserer Mini-Oper leider nicht die Möglichkeit, mit uns vor Ort zu sein. Dank Facetime und Zoom fanden wir dennoch einen Weg, gemeinsam zu arbeiten.

Nachdem die musikalischen Durchläufe allmählich Form angenommen hatten und unsere Komponistin via Zoom grünes Licht gab, begannen wir, szenisch zu proben. Durch unsere ausgiebigen Gespräche während des letzten Jahres hatten sich viele Bilder ergeben, die sich sowohl im Libretto als auch in der Komposition bereits wiederfanden. Die Komposition war auf ein Libretto von Penda Diouf zugeschnitten. In mehreren Zoom-Meetings hatte die Autorin unser Team als stille Zuhörerin begleitet und unsere Gedanken zum Thema „Kepler“ und „Harmonia Mundi“ in poetische Worte gefasst. Als Regisseurin der Oper galt es für mich nun einen Weg zu finden, diese fragilen Bilder aus Musik und Text sichtbar zu machen.

Nach der ersten Probenphase am Morgen fanden sich alle Teams täglich in der Mittagspause wieder zusammen, tauschten sich über den Arbeitsprozess aus oder lernten sich einfach nur besser kennen. Mit kalten Getränken, einem frischen leckeren Mittagessen und französischer Patisserie, die in den buntesten Farben, Formen und Geschmacksrichtungen keine Wünsche offen ließ, genossene wir den kühlen Schatten, bevor jedes Team wieder individuell zu seinen Proben zurückkehrte. Obwohl der straffe Zeitplan des Workshops abgesehen von der Mittagspause kaum Freizeit zuließ, schaffte sich unser Team eigene kleine Pausen für einen kurzen Spaziergang durch die verwinkelte Altstadt, für einen Einkauf auf dem Markt oder für einen Diabolo Grenadine in einem der wunderschönen Cafés. Teambuilding first!

Nach der individuellen Probenphase der Teams am Nachmittag wurde zum Abschluss jedes Tages gemeinsam gejammt und getanzt und sich im Anschluss in neuen Gruppenkonstellationen zum Abendessen oder auf einen Wein verabredet. Neue Instrumente, fremde Kulturen, ehrliche Gespräche - was könnte die Welt der Oper besser vorantreiben?

Und plötzlich war es schon wieder Samstag, womit der letzte Tag unseres Workshops in Aix-en-Provence anbrach.
Das Ziel von "Opéra de-ci de-là" war eigentlich, die Mini-Opern in den öffentlichen Raum zu bringen und von Spontanität und Partizipation der Öffentlichkeit zu profitieren. Aufgrund des Pandemie-Geschehens in Frankreich entfiel letztendlich allerdings jegliche Möglichkeit, die Mini-Opern vor Publikum zu zeigen. Stattdessen präsentierte zum Abschluss jedes Team seine Arbeit in Anwesenheit eines Filmteams auf unserer isolierten Bühne. Unser Team hatte jedoch schon lange zuvor beschlossen, den Workshop als Auftakt zu nutzen, um unsere Performance in unsere unterschiedlichen Heimatstädte zu bringen. Wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen in Oslo, Berlin, Teheran, Lyon und München. Stay tuned!

 

Mit Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 war zunächst unklar gewesen, ob und wann die Workshop-Teilnehmer*innen in Aix-en-Provence zusammen kommen würden. Der für 2019/20 geplante Workshop musste abgesagt werden. Wie es den Workshop-Teams trotzdem gelang, in einen intensiven künstlerischen Austausch zu treten und gemeinsam an ihren Mini-Opern zu arbeiten, schildert Paulina Platzer in ihrem ersten Erfahrungsbericht:

Kofferpacken, abheben, Abenteuer los. So oder so ähnlich hätte es kommen können, wäre dem nicht in letzter Sekunde Corona in die Quere gekommen. In einem dreitägigen Workshop unter der Leitung von Anthony Heidweiller hätten wir uns bereits im März in Aix-en-Provence zur Vorbereitung getroffen, um in einem zweiten Teil von „Opéra de-ci de-là“ im Rahmen des Festivals d´Aix-en-Provence vom 15. bis 20. Juni 2020 eine partizipative Oper zu realisieren.

Doch alles kam anders. Flüge wurden gestrichen, Grenzen geschlossen, weltweite Ausgangssperren traten in Kraft. Es wäre mehr als nachvollziehbar gewesen, den „Opéra de-ci de-là“-Workshop unter diesen Bedingungen einfach abzusagen. Stattdessen arbeitete das Organisationsteam im Hochbetrieb an einer Lösung. Das Ergebnis war zunächst ein zweitägiger virtueller Workshop. Für die Konzeption der Opern wurden wir in fünfköpfige Gruppen eingeteilt. In jeder Gruppe war ein*e Regisseur*in, zwei Sänger*innen, ein*e Komponist*in und ein*e Musiker*in vertreten. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde folgte eine interessante Keynote von Regisseurin und Wissenschaftlerin Frédérique Aït-Touati zum scheinbar oppositionellen Verhältnis von Wissenschaft und Kunst.

Aus dem Gespräch mit Aït-Touati ergab sich unsere erste Aufgabe. In Anlehnung an den Naturphilosophen und Astronomen Johannes Kepler sollte jede Gruppe vier persönliche Kapitel bestimmen, auf denen die Harmonie der Welt aufbauen könnte. In einem sehr inspirierenden Gespräch erarbeiteten wir unsere eigenen Kapitel und lernten uns besser kennen. Wir profitierten dabei vor allem von den kulturellen Unterschieden zwischen Iran, Norwegen, Deutschland und Frankreich, die in unserer Gruppe aufgrund der Herkunft der jeweiligen Mitglieder präsent waren. Im Anschluss präsentierte jede Gruppe ihre Ideen. Dann war die Zeit auch schon wieder um.

Was bleibt, ist Euphorie und Vorfreude auf alles, was im Rahmen von „Opéra de-ci de-là“ nach diesem spannenden Auftakt noch kommen mag. Gruppenintern beschlossen wir, den virtuellen Workshop als Startschuss für eine langfristige Zusammenarbeit zu begreifen und bis zum geplanten Präsenzworkshop im nächsten Jahr an unserer Oper weiterzuarbeiten. Für die Konzeption haben wir uns dabei zwei Dinge vorgenommen: Offenheit und Spontaneität. Denn wie eine partizipative Oper im Sommer 2021 tatsächlich aussehen kann, bleibt wohl noch lange ungeklärt.

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