Warum man die Zukunft nicht absagen kann

20. April 2020 • • erstellt von Raffaela Grimm

Vom 21. bis 23. Mai 2020 sollte an der Theaterakademie August Everding in allen Räumen eine große internationale Konferenz zur Zukunft des Theaters und der Ausbildung des Theaters stattfinden, die ZUKUNFTSKONFERENZ. LEARNING FOR THE FUTURE. Wie so viele wunderbare Projekte und Veranstaltungen fiel auch die Konferenz der Corona-Pandemie zum Opfer und musste schweren Herzens für dieses Jahr abgesagt werden. Dieser Beitrag schildert einige Gedanken zur aktuellen Lage und der Verschiebung der Zukunft(-skonferenz) an der Theaterakademie August Everding – weniger um den Verlust zu bedauern, sondern vielmehr, um Hoffnung zu machen auf die Zeit nach Corona, die Zukunft.

Alle Welt steht gerade still, wie pausiert und aus jeglicher Zeit gerissen. Ein Bild, das so gar nicht zu unserem globalisierten, wachstumsorientierten und überwachten 21. Jahrhundert passen will. Und doch verursacht ein kleines Virus, genannt SARS-CoV-19, im Moment den beinahe völligen Stillstand großer Teile der Welt. In die Zukunft planen? Gerade mehr ein variables Gedankenspiel als ein konkretes Kalkulieren. Wer weiß in dieser Zeit schon, was morgen, nächste Woche oder gar nächsten Monat sein wird. Und gar über die Zukunft sprechen? Bloße Spekulationen, Träumereien! Es erscheint beinahe unglaublich, dass wir vor knapp sechs Wochen noch mitten in den Planungen für die international ausgelegte ZUKUNFTSKONFERENZ. LEARNING FOR THE FUTURE steckten, die im Mai 2020 an der Theaterakademie August Everding stattfinden sollte. Eine Konferenz, die das Theater der Zukunft und die Ausbildung für ein Theater der Zukunft erkunden wollte. Und heute? Erdgeschichtlich fast zu vernachlässigende sechs Wochen später ist die Welt eine andere; die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft völlig verquer. Doch drehen wir die Zeit zurück und betrachten zunächst die Gegebenheiten vor sechs Wochen.

Vergangenheit

Damals, Anfang März 2020, begannen hier an der Theaterakademie August Everding beispielsweise gerade die Endproben zur bevorstehenden Musiktheaterpremiere A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM und die Planungen für die ZUKUNFTSKONFERENZ nahmen Fahrt auf. Bereits seit Beginn der Spielzeit wurden Pläne geschmiedet, Ideen gesammelt, mögliche Teilnehmende recherchiert und Formate entworfen, um die seit Langem wachsende Idee einer Konferenz zur Zukunft des Theaters und der Ausbildung für das Theater an der Theaterakademie August Everding zu verwirklichen. Bereits seit Januar waren wir damit beschäftigt, möglichst alle potenziellen Interessierten und Teilnehmenden zu erreichen, Plakate und Postkarten zu verteilen, über Social Media und Print zu werben und eine Vielzahl an Künstler*innen, Theatermacher*innen, Studierenden, Lehrenden und Wissenschaftler*innen aus ganz Europa für die Konferenz zu gewinnen. Währenddessen feilten unsere beiden Kuratoren Adrian Herrmann, stellvertretender Leiter des Studiengangs Dramaturgie an der Theaterakademie August Everding, und Daniel Richter, Dramaturg und Kurator aus Berlin, an ihrer Version einer internationalen, offenen und partizipativen Konferenz. Geplant war, herkömmliche Konferenzformate durch verschiedenste performative und diskursive Laborformate zu ergänzen. Internationale Studierende, Lehrende und Theatermacher*innen sollten auf Expert*innen aus Theaterwissenschaft, Soziologie, Zukunftsforschung, Digitalisierung, Bildender Kunst und vielen anderen Disziplinen treffen und während der Konferenz alle zu Zukunftsforscher*innen und Change-Agent*innen werden, denn die Zukunft ist für die beiden Kuratoren vor allem eines: vielfältig.

Mit jedem Treffen des Planungsteams und jeder verstreichenden Woche wurden die Ideen weiter miteinander verknüpft und verwoben und ergaben langsam eine wundervolle Vorstellung von dem, was Ende Mai an der Theaterakademie August Everding hätte passieren können. Ergänzend dazu brachten Studierende der Theaterakademie ihre Ideen und Vorstellungen in die Konferenzplanung mit ein. Außerdem bekamen wir bereits viele Rückmeldungen und vielversprechende Angebote verschiedenster internationaler Institutionen und Künstler*innen, die Teil der Konferenz sein wollten. Immer wieder wurde deshalb diskutiert, umgestellt, hinzugefügt und das Programm veränderte sich so fluid wie die immer größer werdende Gruppe der Interessierten, Mitwirkenden und Expert*innen.

Anfang März war es dann endlich soweit und die ersten Auskünfte zum Programm konnten veröffentlicht, erste Künstler*innen und Expert*innen konkret angefragt und Anmeldungen entgegengenommen werden. Geplant war, dass der erste Tag der Konferenz alle Teilnehmenden zusammenbringen und einen ersten Austausch ermöglichen sollte. Unter dem Titel „Future Fiction“ hätten mögliche Zukünfte entworfen und diskutiert werden können. Am zweiten Tag wären die entworfenen Fiktionen unter dem Motto „Strategien für die Zukunft“ fortgeführt worden. Die Teilnehmenden hätten die Möglichkeit gehabt, die verschiedenen Themenkomplexe in Form von Workshops, Fishbowl-Gesprächen oder partizipativen Gesprächsrunden zu bearbeiten und dabei frei nach ihren Interessen zwischen Formaten in den Bereichen Gender, Inklusion, Diversität, Internationalisierung, Digitalisierung, sozialer Arbeitspraxis oder Nachhaltigkeit wählen können. Am letzten Tag der Konferenz sollte eine Kooperation mit dem Campus-Programm der Münchner Biennale stattfinden. Unter der Überschrift „Entgrenzte Ästhetiken * Arts Unlimited“ hätte man den Blick über den Spartenrand hinaus gerichtet und man wäre der Frage nachgegangen, welche Einflüsse Digitalisierung und neue Medien auf das Theater haben. Hierbei standen interdisziplinäre Arbeitstechniken aber auch entgrenzte Ästhetiken im Fokus, bevor abschließend Resümee gezogen worden wäre. Zwischen den einzelnen Konferenzformaten sollten künstlerische Interventionen für Auflockerung und Abwechslung sorgen. So wurde ein Open Call für performative Interventionen ausgeschrieben, der sich an alle Studierende künstlerischer Studiengänge in ganz Europa richtete. Die Rückmeldungen waren zahlreich und die Auswahl aus den allesamt spannenden Einreichungen aus insgesamt acht verschiedenen Ländern wäre dem Team nicht leichtgefallen. Doch diese Qual der Wahl blieb uns erspart …

Gegenwart

… denn dann ist plötzlich der 11. März 2020. Für den Nachmittag ist ein Treffen des Planungsteams vorgesehen. Daniel Richter ist diese Woche wieder aus Berlin angereist, um die letzten offenen Fragen für das Programm zu klären. Doch schon gegen Mittag wird immer deutlicher, dass dieser Tag wohl kein normaler Tag werden wird. Immer neue Meldungen von der Regierung bezüglich der Beschränkungen des öffentlichen Lebens, um die Ausbreitung des neuen Corona-Virus zu mindern, werden gemeldet und plötzlich ist klar, dass alle Theater und Hochschulen bis 19. April schließen müssen. Kein Spielbetrieb, keine Unterrichte, keine Proben – keine Theaterakademie. Die Musiktheaterproduktion wird nur wenige Tage vor der Premiere abgesagt, ebenso vier weitere studentische Projekte, die in den kommenden Wochen stattgefunden hätten. Noch versteht keiner so richtig, was diese Beschlüsse konkret bedeuten, wie sie den Alltag aller verändern. Vieles muss nun erst einmal entschieden, organisiert und kommuniziert werden. Die Krise ist da. Die Konferenzplanungen werden zunächst für eine Woche pausiert, bis mehr Klarheit herrscht.

In den folgenden Tagen erreichen uns die ersten Absagen internationaler Gäste, die aufgrund der sich immer weiter zuspitzenden Lage oder aufgrund geschlossener Grenzen nicht mehr an der Konferenz teilnehmen können. Und nachdem das Ausmaß der Corona-Pandemie langsam immer deutlicher wird, ist auch die Entscheidung über das Stattfinden der Konferenz nicht mehr weiter zu vertagen. So wird nach vielen Überlegungen und Versuchen, die Konferenz auf digitalem Wege durchzuführen, schweren Herzens beschlossen, die ZUKUNFTSKONFERENZ abzusagen. Zu unsicher wären die Gegebenheiten im Mai, zu schwer das weitere Planen, zu teuer das gesamte Vorhaben, zu weit entfernt die digitalen Möglichkeiten von dem Wunsch einer Konferenz, die auf persönlichen Begegnungen, Kommunikation und Austausch aufbaut.

Nun gilt es die vielen Kontaktierten und Interessierten zu informieren und insbesondere den Künstler*innen und Expert*innen, die bereits zugesagt hatten, abzusagen. Eine Aufgabe, die unglaublich schwerfällt, insbesondere da viele der Mitwirkenden freie Künstler*innen sind, die die Krise besonders zu spüren bekommen. Auch die etlichen motivierten Studierenden aus dem Open Call informieren wir nur schweren Herzens über die getroffene Entscheidung. Viele antworten uns sehr herzlich auf die Nachricht der Absage und bestärken uns so zumindest in dem Willen, die Konferenz nicht völlig abzusagen, sondern die Idee wiederaufzunehmen, sobald es die Umstände zulassen. Und während dieser absurden Geschehnisse bleibt immer wieder die leise Frage, ob das wirklich nötig war – ob die Konferenz nicht doch hätte stattfinden können.

Zukunft

Heute, circa vier Wochen nach dieser schweren Entscheidung, ist die Welt bereits eine andere. Die damals so lange überdachte Absage erscheint jetzt als unumgängliche Entscheidung. Wie soll eine internationale Konferenz stattfinden, wenn Grenzen geschlossen sind und viele Menschen in Kurzarbeit oder Home Office arbeiten oder gar ihren Arbeitsplatz verloren haben? Wie soll über die Zukunft nachgedacht werden, wenn sich gerade alles verändert und der Ausgang dieser Krise noch offensteht? Welche Themen werden uns in Zukunft beschäftigen – werden es die gleichen wie noch vor sechs Wochen sein? Und wie sieht das Post-Corona-Theater oder besser das Theater der Zukunft aus?

Alle Welt steht gerade still, wie pausiert, aus der Zeit gerissen. Die Begriffe Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft verwischen und bilden sich neu – was bedeuten sie? Wie relativ ist doch der Zeitraum, den sie beschreiben? Die Welt vor Corona liegt in der Vergangenheit und erscheint mit ihrer Geschäftigkeit und globalen Vernetzung heute weit entfernt. Jetzt, in der Gegenwart, herrscht eine erzwungene Ruhe, eine nie gekannte Distanz und gleichzeitig die Ungewissheit, wie lange diese „Gegenwart“, das Präsens, die Realität sein wird. Und danach? – Post-Corona? Ist das die Zukunft? Wann beginnt sie und wie wird sie aussehen?

Neue Fragen und Herausforderungen werden aufkommen, andere werden sich lösen. Eine Konferenz über die Zukunft wird damit auch niemals einfach nur eine um ein Jahr verschobene Ersatzveranstaltung sein. Die Welt nach Corona wird eine andere sein und so wird auch die ZUKUNFTSKONFERENZ 2021 anders sein. Wird sich Partizipation, Nähe und soziales Miteinander verändert haben, einen anderen Stellenwert bekommen? Welche neuen Fragen stellen sich? Welche Rolle kommt der Kultur in der Bewältigung der Krise zu? Wie hat die gezwungen schnelle Digitalisierung das Theater verändert? Noch können keine Antworten auf diese Fragen gegeben werden, noch scheint die Zukunft warten zu müssen. Doch so lange diese unwirkliche Gegenwart auch andauern wird, was darauf folgt ist die Zukunft. Es wird weitergehen. Denn die Veränderungen der Krise wollen verarbeitet und neue Fragen beantwortet werden. Die Zukunft lässt sich nicht absagen und eine Konferenz, die über die Zukunft des Theaters diskutieren möchte, wird in der Zeit nach Corona wichtiger denn je sein.

Lasst uns nächstes Jahr alle gemeinsam die neue Zukunft gestalten und die Erfahrungen und Veränderungen der Gegenwart für einen Umbruch und Neuanfang nutzen.

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