Utopia

10. Juli 2018 • Dramaturgie • erstellt von Carolin Müller-Dohle

Unsere Dramaturgiestudentin Carolin Müller-Dohle war beim Festival d’Aix-en-Provence! Ein Rückblick auf den Opera Creation Workshop 2018 im Rahmen von enoa (european network of opera academies).

Gruppenfoto in traumhafter Kulisse: Die Teilnehmer*rinnen des diesjährigen Opera Creation Workshops
Foto: Carolin Müller-Dohle

Mit einem ersten Entwurf eines Manifests für die Zukunft der Oper sitze ich am Marseiller Flughafen und warte auf meinen Rückflug nach München:

  • Check yourself. Your vision is not everyone’s truth.
  • Reinvent yourself & take a risk
  • Consciousness +1
  • Opera is art. In art, anything is possible.
  • Small-Scale + Big Ideas = Young, New Opera
  • (Creation) Collaboration Process
  • New narratives. Explore the borders
  • Trust the imagination of creation and be inspired by the collaboration work
  • Bring opera to everyone
  • Opera as a representation of the society we live in
  • Taking the risk to consider creation as hope
  • Listen to yourself and your ears will be open to hear all
  • Creating art = creating new politics
  • Opera as an emotionally engaging experience
  • The music is not sacred
  • Opera should be able to give any people an experience that is influencing the rest of their lives.
Herzstück des Festivals: Das Théâtre de l’Archêveché beherbergt die Open-Air-Aufführungen
Foto: Carolin Müller-Dohle

Die anderen Teilnehmer*innen des enoa-Workshops Opera Creation beim Festival d‘Aix-en-Provence haben den gleichen Zettel in der Tasche, egal welche Reisedestination auf ihrem Flug- oder Bahnticket steht. Doch das ist nicht das Einzige was uns vierzehn junge Opernschaffende aus aller Welt in Zukunft verbinden wird. Nach dieser intensiven, gemeinsamen Zeit in Aix teilen wir alle das Gefühl, dass unsere Visionen und Wünsche bezüglich der Oper sehr viel greifbarer geworden sind. Und dann ist da noch die riesige Motivation für zukünftige, gemeinsame Projekte und Zusammenarbeiten. Oder die Freude einer tiefen, freundschaftlichen Verbundenheit. Und vor allem anderen ist da ganz viel Hoffnung.

Gemeinsame Mittagspause im wunderschönen Innenhof des Gebäudes
Foto: Carolin Müller-Dohle

Was ist passiert? Gehen wir zunächst nochmal einen Schritt zurück: Anreise in Aix-en-Provence vor zehn Tagen. Eine Woche Workshop mit dem Titel Opera Creation Reflection liegt vor mir. Diese von enoa und der Akademie des Festivals d’Aix-en-Provence gemeinsam veranstaltete Masterclass soll Raum dafür schaffen, gemeinsam mit je fünf jungen Regisseur*innen, Komponist*innen, einer Bühnenbildnerin und einem Dirigenten unter der Leitung des Dramaturgen Klaus Bertisch über die zentralen Themen der Opernwelt zu sprechen. Nichts wie hin also! Quälende Fragen und Zweifel über Beruf und Materie gehören ebenso zum Alltag einer Opernschaffenden wie die unabdingbare Freude und Leidenschaft für die Sache. Wie können wir hierarchische Strukturen in Institutionen und Arbeitsprozessen aufbrechen? Welche Wege können wir gehen, um die Musik und die szenische Umsetzung noch enger zu verknüpfen? Wie schaffen wir endlich die sogenannte Werktreue ab und kommen zu ganzheitlichen Neuerfindungen von Repertoirestücken? Mir verlangt es nach Antworten auf all diese Fragen, die mich schon so lange begleiten.

Sinnbild für unseren Gedankenaustausch in Aix-en-Provence
Foto: Carolin Müller-Dohle

Schon am ersten Tag wird klar: Wir sind eine außergewöhnlich starke Gruppe mit einer unglaublichen Energie. Jeder möchte seinen eigenen Beitrag leisten und bereits nach ein paar Stunden entspinnen sich die ersten leidenschaftlichen Diskussionen über Repräsentationsfragen, Gleichberechtigung der Geschlechter im Arbeitsalltag und auf der Bühne, Hierarchien, Neuinterpretationen von Repertoirestücken. Es gibt gerade keinen Ort auf der ganzen Welt, an dem ich lieber sein würde. Ich spüre frischen Wind. Die magische Atmosphäre des Festivals leistet seinen eigenen Beitrag: Während der nächsten Woche werden wir Proben zu allen Produktionen des Festivals sehen. Wir diskutieren über das, was wir dort gesehen haben und versuchen, den oben genannten Themen und Fragen auf den Grund zu gehen. Jeden Tag bekommen wir Besuch von den Künstler*innen der Festivallaufführungen. Wie bereichernd es ist, einen Einblick in deren Schaffen und Gedankenwelt zu bekommen, wird schon beim ersten Künstlerinnengespräch mit Katie Mitchell klar.

Der erste Entwurf unseres Opernmanifests steht!
Foto: Carolin Müller-Dohle

Abends gehen die Diskussionen und Gespräche beim gemeinsamen Abendessen und Rosé  bis tief in die Nacht weiter. Diese gemeinsam verbrachte Zeit ist ebenso wertvoll wie die Aufführungsbesuche und Arbeitstreffen tagsüber. Zum Schlafen bleibt fast keine Zeit, aber das macht uns verblüffenderweise nichts aus, denn die nötige Energie für den Tag schenkt uns unser Zusammenhalt und die Leidenschaft, die wir alle teilen. Trotz des vollgepackten Zeitplans genießen wir, für zehn Tage von allen Produktionszwängen entbunden zu sein und so viel Zeit für gründliches Nachdenken, für Reflexion zu haben. Diese „Ineffizienz“ – sprich, zum Ende der Woche eben kein Produkt abliefern oder eine Idee „pitchen“ zu müssen – ist eine enorme Befreiung vom so neoliberalistisch geprägten und marktorientierten Produktionsablauf des Opern- und Theateralltags. Außerdem verhindert sie, dass die Gruppe aufgrund von Aufteilung in Arbeitsgruppen in Teile zerfällt. Und eben die Tatsache schafft Raum für Motivation und den großen Wunsch, als ganze Gruppe zusammenzuarbeiten und etwas Neues zu schaffen. Jeder von uns geht verändert aus dieser Masterclass hervor: Mit neuen Ideen, neuen Inspirationen, neuen Wünschen. Das schlägt sich in unserem gemeinsamen Manifest nieder, das wir am letzten Tag erstellen — wir alle tragen unseren Wunschsatz dazu bei. Mit diesem ersten Entwurf verabschieden wir uns schweren Herzens voneinander. Aber es ist auch ein Anfang: Den Plan, nächstes Jahr beim Festival in Aix daran weiterzuarbeiten, gibt es schon. Und wer weiß – vielleicht entsteht ja auch eines Tages ein gemeinsames Projekt daraus? Den Titel haben wir schon: Utopia.

Allabendliches Zusammensein in der Festivalbar
Foto: Carolin Müller-Dohle
Unser Arbeitsraum — Platz für lebhafte Diskussionen
Foto: Carolin Müller-Dohle

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