Daniel Holzberg in Tschik

Tschick

11. November 2015 • Schauspiel • erstellt von Katharina Nay

In seinem Bestsellerroman Tschick lässt Wolfgang Herrndorf die beiden 14jährigen Protagonisten Maik und Tschick mit einem geklauten Lada in die Walachei aufbrechen. Auf ihrem Weg begegnen sie unter anderem Isa. Ein Mädchen in ihrem Alter, das sie auf einer Müllkippe am Wegesrand treffen. Sie stinkt, sie streitet sich mit Tschick und sie fragt Maik, ob er mit ihr schlafen möchte. Aber sie kann schwimmen und sie weiß, wie man nur mit einem Schlauch bewaffnet Benzin aus einem Auto klaut.

Wer mehr über Isas Hintergrund erfahren möchte, dem sei Wolfgang Herrndorfs letzter unvollendeter Roman Bilder deiner großen Liebe empfohlen. Post mortem von seinen Verlegern herausgegeben, erzählt Isa dem Leser was sie vor und nach der Begegnung mit Maik und Tschick erlebt und wie sie diese Welt erlebt.

Katharina Nay

 

Die Geschichte aus Sicht von Isa
Wolfgang Herrndorf

Bei Tageslicht ist der Blonde ganz hübsch, er redet aber kaum. Das Reden erledigt der Russe. Schlitzaugen, dicke Lippen. Er sieht aus wie ich, wenn ich ein Junge wäre. Mir ist sofort klar, was mit ihm los ist, und ich glaube, er weiß auch, was mit mir los ist. Da gibt es gleich Streit. Wir beschimpfen uns. Der Blonde hält sich raus. An einer Veränderung in seinem Gesicht kann ich sehen, dass er sich in mich verliebt hat. Er weiß es noch nicht.

Schließlich fahren wir zu dritt los. Der Russe streitet weiter, solange wir auf der Autobahn sind. Aber ich kenne die besseren Worte, und am Ende ist Ruhe. Dann fängt er aber wieder an und reitet darauf rum, dass ich die Luft im Auto verpeste. Er kurbelt das Fenster runter, zeigt auf meine Haare und sagt: „Da wohnen Tiere drin“, und ich nenne ihn eine schlechtgefickte Brotspinne, weil er recht hat.

„Schwanzlutscher“, sage ich. „Dir kommt es doch beim Schwänzelutschen“, und er zögert eine Zehntelsekunde zu lang. Danach ist er mir sympathischer. Er redet weiter. Er will wissen, ob meine Eltern mich ausgesetzt haben.

„Die Wahrheit ist“, sage ich, „dass ich aus einem Heim ausgebrochen bin.“

Sie antworten eine Minute nichts, und ich sage, dass die Klapse nicht so schlimm ist. Und ich erzähle ihnen, wie ich weggelaufen bin, als ich sechs war. Wie die Heimleitung mich immer wieder eingefangen hat und wie ich jede Nacht wieder ausgebrochen bin. Es gab ein Fenster im Waschraum, da war ein Gitter lose. Fast jede Nacht habe ich auf einer Matratze hinter dem Zaun gelegen.

Ich kannte nichts. Ich bin nicht zur Schule gegangen. Lesen und Schreiben habe ich mir selbst beigebracht. Ich musste nur in ein Buch schauen, schon konnte ich es. Und alles andere hat mir ein Mann gezeigt, den ich in der Stadt traf. Er war Astronom. Er hatte ein Teleskop und hieß Weierstraß. Aber in der Stadt will ich nicht leben. Da soll niemand leben. Wenn ich in die Stadt ging, war ich allein unter Menschen. Manche sprachen mich an. Viele sprachen zu sich selbst. Das meiste verstand ich nicht. Es hatte keinen Sinn, und ich fragte mich, warum sie überhaupt redeten. Tiere mag ich lieber. Manchmal bin ich ein Marder. Und ich bewohne den goldenen Berg.

Wir schwimmen im See. Das ist schön, aber auch kalt. Die Jungs haben eine Flasche Shampoo dabei, und sich nach so langer Zeit mal wieder einzuseifen fühlt sich an wie gelöschter Durst. Danach legt der Blonde mir neue Sachen raus. Der ganze Lada ist hinten mit Zeug vollgeladen, und ich kann mir was aussuchen. Am besten gefällt mir eine glänzige Adidas-Trainingshose in Braun, und dazu passt ein knallenges T-Shirt mit der Aufschrift Heimat. Lockerheit. Österreich. Findet der Blonde auch.

Sie fahren, ich schlafe, sie schlafen, sie fahren. Wir schlafen. Wir fahren über den Berg. Wir verabreden, uns in fünfzig Jahren wiederzutreffen. Ich bin einverstanden. Ich find´s gut, aber ich glaube nicht dran. Entweder sieht man sieht sich vorher oder nie. Also wahrscheinlich nie.

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