Opern erfinden bei 30 Grad

21. Juli 2017 • Dramaturgie • erstellt von Kornelius Paede

Vom 26. Juni bis 5. Juli 2017 hat ENOA (European Network of Opera Academies) wieder zum "Opera Creation Workshop with Katie Mitchell" nach Aix-en-Provence eingeladen. Der Dramaturgiestudent Kornelius Paede war dabei und berichtet in einem Rückblick.

An meinen ersten Flug kann ich mich nicht erinnern. Angeblich war ich zwei Jahre alt als meine Mutter mich auf eine Konzertreise nach Hamburg mitgenommen hatte, wo ich mich dann standhaft weigerte, meine Socken in der Öffentlichkeit anzubehalten. Damals hat ein freundlicher Hamburger prophezeit, der Bub würde mal Bundeskanzler. Daraus ist leider noch nichts geworden, denn ich mache jetzt Kunst oder sowas ähnliches, Mama.

Ich fliege nach Frankreich und klebe an der Scheibe – wie vor einem Jahr, beim Flug zum Enoa-Workhop an der Nationaloper in Amsterdam, dem ersten Flug, an den ich mich erinnern kann. Diesmal geht es nach Frankreich, nach Aix-en-Provence, zum Festival bzw. zur daran angeschlossenen Akademie – und damit zu meinem dritten Enoa-Workhop. Kein Wölkchen am Himmel. Das ist doch der Ammersee da unten? Die Kapitänin verkündet, dort unten sei Genf samt See. Ups. Es ist Sonntag und ich bin ein bisschen high von der mediterranen Schwüle bei der Ankunft in Marseille. Ab morgen: 10 Tage „Opera Creation Workshop“ mit Katie Mitchell.

Ich habe gesucht, in letzter Zeit. Hatte eine mittelkleine Theaterkrise wegen der Hierarchien, des Kanons, des Werkbegriffs – und ich werde Antworten bekommen. Katie Mitchell weist noch vor der Begrüßungsrunde darauf hin, dass wir uns der Reproduktion geschlechterspezifischer Machtverhältnisse in unserer internationalen Gruppe bewusst sein müssen. Hierzulande würde man das vermutlich die Etablierung einer umfassenden Achtsamkeit nennen. Könnte uns auch gelegentlich in Deutschland nicht schaden.

Die WorkshopteilnehmerInnen – davon etwa ein Drittel wie ich über Enoa eingeladen – kommen neben Deutschland aus England, Serbien, China, Lettland, Frankreich, Schweden, Thailand und den Niederlanden. Vorsichtig erfragt man ästhetische Standpunkte. Wollen die Französinnen wirklich nur, dass alles schön ist? Die EngländerInnen, dass alles primär handwerklich und erzählerisch funktioniert? Am Abend sehen wir die Probe von Tcherniakovs Carmen. Darauf kann man sich einigen. Auch Katie Mitchell ist sichtlich angetan von Tcherniakovs präzisem Stanislavski-Handwerk. Und das war erst der Anfang. Im Verlauf der 10 Tage sehen wir Proben aller Inszenierungen des Festivals. Meine Highlights, neben Carmen: Die Uraufführung von Boesmans Pinocchio und McBurneys Interpretation von Stravinskys The Rake’s Progress.

Mindestens vier der zehn Tage verbringen wir mit Gruppenarbeiten. Zuerst in von Katie forcierten Teams, danach in selbstgewählten. Ich lande zuerst mit der Komponistin Alexandra Grimal in einem Team und nach anfänglichem erneuten Ausloten von Vorlieben (ich, der Deutsche, will alles dekonstruieren und vertrashen; sie, die Französin, will alles schön haben) entwerfen wir ein Konzept für eine grotesk-weltoptimistische Oper über Klimawandel. Das Besondere an diesen Konzeptionsentwicklungen ist: Kein Konzept bleibt eine Übung. Alle werden auf eine tatsächliche Realisierbarkeit hin gedacht, einige werden sicherlich aufgeführt werden. Ich bin der einzige Dramaturg der Gruppe, folglich auch an enorm vielen Projekten beteiligt.

Hohen Besuch bekommen wir auch – nicht nur von Pierre Audi und Bernard Foccroulle, dem zukünftigen bzw. aktuellen Intendanten des Festivals in Aix-en-Provence. Auch die meisten Regisseure sowie einige Dirigenten besuchen uns, müssen sich unseren Fragen stellen. Denn für die Inszenierungen haben wir uns analytisch gruppiert: nach den Themen Konzept, Gender und Diversität, Bühne, Licht, Kostüm, Schauspiel, Bewegung und Choreographie. Anhand unserer Überlegungen befragen wir die Regieteams – immer unter den wachsamen, aber wohlwollenden Augen von Katie Mitchell, die jede strukturelle Ungenauigkeit in unseren Analysen benennt.

Das klingt nach viel Arbeit und das war es auch. Aber die Abende sind warm in Aix, und täglich landen wir beim Rosé. Um die Zukunft der Oper geht es dann natürlich nur noch bedingt. Nur dass die Kugel Eis 2,50€ bis 3€ kostet, das stört mich, den geizigen Schwaben.

Am letzten Tag präsentieren wir unsere Konzepte. Etwa 20 sind es geworden. Einige Produzenten sind gekommen, scheinen interessiert. Ich bin noch nicht so weit, wie Katie rät, exzellent zu sein, in „business, arts and politics.“ Will ich das überhaupt? Aber sie tun gut, die neuen Perspektiven, die so einige Blasen mir überhaupt ein wenig sichtbarer machen: die bildungsbürgerliche Blase, die deutsche, die avantgardistische, die subventionsprivilegierte. Und vielleicht entsteht sie ja irgendwie, meine Oper nach Christiane Rocheforts Roman Das Ruhekissen, für die ich in den letzten Tagen ein Konzept entwickelt und auch schon einen Komponisten gefunden habe.

Der Rückflug geht über Monaco und dann nach Nordost über die Alpen. Ein bisschen fühle ich mich jetzt schon wichtig. Zum Glück hat die Hybris keine Chance, überhand zu nehmen. Denn am nächsten Morgen ruft die Masterarbeit.

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