Foto: Kim Krijnen

Mit ENOA in Amsterdam

01. August 2016 • Dramaturgie • erstellt von Kornelius Paede

Im Rahmen eines Workshops des Netzwerks ENOA war der Dramaturg Kornelius Paede kürzlich an der Dutch National Opera in Amsterdam zu Gast - und hatte die Gelegenheit, mehrere tage über Opernlibretti nachzudenken. Ein Rückblick.

Foto: Kim Krijnen
Foto: Kim Krijnen

ENOA-Workshops sind totally amazing, wie man im lax-kolloquialen Englisch zu sagen pflegt, das man sich angewöhnt, wenn man eine Woche lang mit einer Italienierin, zwei Französinnen, einem Chilenen, zwei Niederländerinnen, einer Belgierin und einem Engländer an der Amsterdamer Nationaloper über Da-Ponte-Libretti spricht. Und es ist kaum machbar, nicht in positive Holland-Klischees zu verfallen, wenn man erlebt, wie unprätentiös hier Oper gemacht wird. Das merkt man am augenzwinkernden Klaus Bertisch, Chefdramaturg der Dutch National Opera, der berichtet, man mache hier vor allem Zeitgenössisches und Altes, die romantische Repertoireoper spare man sich zumeist – obwohl einen Tag später Karten für Pique Dame von Tschaikowsky ausgeteilt werden. Man spürt es aber auch anhand von Louis Andriessens Theatre of the World, einem durchaus gewaltigen Musiktheater über Athanasius Kirchner, das trotz eines Hangs zu großen Gesten undistanziert und erfrischend eklektisch daherkommt. Doch der Reihe nach.

Libretto? Kann ich auch, denke ich mir, als die Ausschreibung für einen „Dramaturgy & Libretto“-Workshop an der Nationaloper Amsterdam herumgeht, und bewerbe mich voller Hybris. Nach der Zusage habe ich dann beinahe ein schlechtes Gewissen, weil mir die komplette Organisation abgenommen wird. Und schon sitze ich, durchaus aufgeregt, im Boardingbereich des Münchener Flughafens, denn geflogen bin ich vorher noch nie. Endlich im Flugzeug hänge ich wie ein kleines Kind am Fenster und gaffe ins Wolkenmeer, das Hirn voller Ungewissheiten: Genügt mein Englisch? Was muss ich im Workshop leisten? Wie wird wohl die Stimmung sein? Mit welchen Leuten verbringe ich die nächste Woche?

 

Foto: Kim Krijnen
Foto: Kim Krijnen

Der Workshop selbst beginnt wie er endet – mit Don Giovanni. Und man könnte ihn gleichsam mit der ersten Zeile des Librettos untertiteln: „Notte e giorno faticar“. Nachts und tags ist was los. Wir werden begrüßt von unserem Mentor Klaus Bertisch und dem unermüdlichen Peter van der Leeuw, die uns das Haus zeigen und ein Willkommenspaket überreichen. Eine Stunde später wird bereits hitzig über die berühmte erste Leporello-Arie debattiert. Welche Haltung hat Leporello beim Auflisten der Affären Don Giovannis? Goutiert er sie? Distanziert er sich? Die Lösung liegt, wie immer, in einer potentiellen Inszenierung. Abends landen wir in einer Kneipe und all meine Zweifel lösen sich in Wohlgefallen auf. Die ganze Woche in Amsterdam ist schon jetzt wie Urlaub mit Musiktheaterexperten und man spricht eben über das, wofür man ohnehin brennt.

Am Dienstag besucht uns Marcel Sijm und wir diskutieren Übersetzungsstrategien zeitgenössischen Musiktheaters für Kinder und Jugendliche und skizzieren szenische Problemlösungen in Kleingruppen. Kennenlernen müssen wir uns dabei nicht mehr, das ist längst am Vorabend geschehen. Später sehen wir die Pique Dame auf der großen Bühne. Die Inszenierung macht das Leben Tschaikowskys zum Thema und vermengt das lebenslange Hadern des Komponisten geschickt mit der Originalhandlung um Liebe und Spiel. Am Pult steht Mariss Jansons und dirigiert, man verzeihe mir die Distanzlosigkeit, wie ein Gott – und auch der Opernchor macht mächtig Eindruck mit seinem feinen Kammerklang. Tags darauf sprechen wir mit Michel van der Aa über Intermedialität und Komposition und schreiben, jeder für sich, eine Inhaltszusammenfassung über Le Nozze di Figaro, mitunter im Stillen die Buffo-Konventionen verfluchend.

Donnerstag und Freitag sind für Gruppenarbeiten reserviert. In Dreierteams entwerfen wir Varianten für den Schluss von Don Giovanni, mit oder ohne das Finalsextett. In meiner Gruppe verständigen wir uns, ausgehend von Don-Giovanni-Deutungen aus Klassik (lieto fine) und Romantik (Übermensch, uneindeutiger Schluss) auf diese Setzung: Der Commandatore ist ein Zombie. Wir merken schnell, wie uns diese flapsige Idee ganz schön in die Bredouille bringt – sobald wir sie ernst nehmen. Schließlich landen wir bei einer Women-Empowerment-Deutung, indem wir Donna Anna aufwerten und ein kannibalistisches Abendmahl an die Stelle des Sextetts setzen.

Wir beschließen diese inspirierende Woche mit dem allseitigen Gefühl, dass sie viel zu schnell vergangen ist – und finden uns in einem Café an der Gracht bei von Klaus Bertisch gesponserten Bitterballen wieder, die man, so Klaus, probiert haben muss bevor man Holland verlässt. Es folgen freundschaftliche Umarmungen und ein leises Gefühl von Melancholie, dass man sich nun wieder in alle Winde zerstreut. Liebe Theaterakademie, Danke für diese Möglichkeit. Amsterdam was totally amazing.

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