Meet me there

28. Februar 2018 • Maskenbild - Theater und Film • erstellt von Daniel Riedl

Was passiert, wenn einem die Realität nur vorgegaukelt, sogar übersteigert wird? Genau diese Frage hat sich auch Daniel Riedl in seiner Abschlussarbeit für die Ausstellung des Studiengangs Maskenbild – Theater und Film gestellt. Mit seiner Installation Meet me there versucht er, die Poesie im Alltäglichen einzufangen und ihr eine Projektionsfläche zu erschaffen. 

"Wie können wir mit Kreativität und Handwerk das typisch Menschliche nachahmen und einfangen?" Eine Frage, die Daniel Riedl seit Beginn seines Studiums begleitet. Foto:
© Sylwia Makris

Making of...

Ein Raum, genauer ein Bad, und eine junge Frau in einer Wanne liegend: Eine Szene, wie sie alltäglicher nicht sein könnte. Die Figur erscheint bis ins kleinste Detail echt und soll reales Leben vortäuschen. Die Skulptur besteht jedoch aus Silikon und Öl, die Augen sind aus Glas. Echt ist nur das menschliche Haar. Für meine Masterarbeit habe ich einen hyperrealistischen Zugang gewählt. Nicht die Abstraktion, sondern die Übersteigerung der Realität wird dabei als wichtigstes Mittel eingesetzt.

Im Zentrum steht bei mir entsprechend eine Alltagsszene: eine junge Frau, die ein Bad nimmt. Die Skulptur soll reales Leben, eine tatsächlich hier sitzende Person vermitteln. Das Kuriose daran: Bis auf die Haare ist an diesem Menschen nichts natürlich, und trotzdem ist er – als ästhetisches Objekt – menschlich bis ins kleinste Detail.

Frau und Badewanne sind in eine multimediale Installation eingebettet, die in ihrer Intimität den Betrachter zur Selbstreflexion einladen will, verschiedene Sinne anspricht, Raum eröffnet und Fragen nach Distanz oder Betroffenheit aufwirft. Der oder die Betrachtende wird zur Selbstschau eingeladen. Wie verhalte ich mich zu dem Körper, der sich mir so offen zeigt? Was erfahre ich durch diese Begegnung? Und was nicht? Was erkenne ich wieder – von anderen, aber auch von mir selbst?

Als Maskenbildner tätig zu sein, heißt für mich auch grundsätzliche Fragen zu stellen. Wie können wir mit Kreativität und Handwerk das typisch Menschliche nachahmen und einfangen? Wichtig für mich außerdem: Mit welcher emotionalen Antwort reagiert der Betrachter auf die Nachempfindung? Denn die Maske imitiert einen menschlichen Körper – aber sie verändert ihn zugleich. Dieser Aspekt hat mich an unserem Beruf von Beginn an fasziniert.

Als Vorbild für Daniel Riedls Arbeit dienen Evan Pennys Figuren aus farbpigmentiertem Silikon. Foto: © Sylwia Makris

Die hyperrealistische Plastik

Computertechnik hat heute vieles ersetzt, und dennoch: An einen Verzicht auf die Maske, den sogenannten Special Effects in Film und Fernsehen, ist nicht zu denken. Dieses Know-How wollte ich mir zu Eigen machen und unter Zuhilfenahme verschiedenster Techniken und Materialien ein körperrealistisches Abbild schaffen. Mir war klar, dass ich mit diesem Vorhaben an meine zeitlichen und handwerklichen Grenzen stoßen würde. Doch Try und Error gehört wohl zu den üblichen Erfahrungswerten dieses Berufes.

Als Begründer der hyperrealistischen Plastik gilt Duane Hanson mit seinen bemalten Polyesterharzfiguren. Mein Vorbild waren jedoch die Arbeiten Evan Pennys: Seine detaillierten, handwerklich äußerst präzisen Figuren aus farbpigmentiertem Silikon zeigen „in unidealisierter Weise Repräsentationen von Menschen in oftmals schonungsloser Drastik und sind vielleicht gerade deshalb von höchster sinnlicher Präsenz.“

Als Basis wählte ich eine Art Plastiline, die ich zum Aufbau der Gliedmaßen und des Gesichts verwendete. Silikon ist hierfür sehr geeignet, da es der Haptik von Haut von allen für diesen Zweck in Frage kommenden Materialien noch am ehesten ähnelt. In mehreren Arbeitsschritten und Schichten bearbeitete ich Details und versuchte, die Badende durch Hautpigmente, Falten und kleinste Haare lebendig erscheinen zu lassen. Als Vorlagen und Anhaltspunkte dienten mir Fotos, Abmessungen und Abgüsse echter Personen.


Als Vorlagen und Anhaltspunkte dienten Daniel Riedl Fotos, Abmessungen und Abgüsse echter Personen. Foto: © Sylwia Makris

Objekt, Klang und Raum

Die Szenerie, in der sich die Badende befindet, wirkt auf den ersten Blick alltäglich. Bei genauerem Hinsehen wird aber klar, dass hier einiges nicht gewöhnlich ist. Es handelt sich um kein gefliestes, nicht einmal um ein komplett geschlossenes Badezimmer. Fenster, Anschlüsse und Armaturen fehlen. Die Flüssigkeit, in der die Figur liegt, ist trüb, sie gleicht mehr Milch als Wasser. So sind nur Gesicht, Oberkörper und Arme sowie ein kleiner Teil der Beine sichtbar, der restliche Körper bleibt verborgen. Ergänzt wird die Installation durch einen in die Länge gezogenen, verzerrten Klangteppich. Die Badende sitzt inmitten dieser artifiziellen Umgebung und sticht zugleich heraus: Sie bildet das Gegenstück zum unwirklichen Setting, erscheint greifbar und präsent.


Nacktheit und Voyeurismus

Akte sind aus der Kunst nicht wegzudenken. Oft drängt sich dabei die Frage auf, warum diese oder jene Figur ausgerechnet nackt gezeigt wird. Früher, etwa in der Antike, war Nacktheit den Charakteren aus Mythen vorbehalten. Später wurde die Aktdarstellung von der Einschränkung auf religiöse, mythologische oder historische Motive befreit. In der modernen Kunst wurde der Akt dann auch, unter anderem, als Ausdruck für Gefühle und innere Regungen begriffen.

Heute sind Akte oft mit der Darstellung von Alltagsszenen verbunden. Der unbekleidete Körper sorgt immer noch für Aufmerksamkeit, wenngleich er längst nicht mehr so leicht über einen kurzen visuellen Reiz hinaus zu beeindrucken vermag. Ein Akt dient jedoch nach wie vor als Schaufläche. Er fungiert, einer Leinwand ähnlich, für Projektionen des oder der Betrachtenden. Durch die Dominanz des „male gaze“, der auch in der bildenden Kunst eine große Rolle spielt, gilt dies in besonderer Weise für die Darstellung weiblicher Akte.

Auch meine Figur ist eine junge, durchaus hübsche Frau. Um eine idealisierte Darstellung handelt es sich aber nicht: Die blasse Haut und die hellen Augen mit Schatten deuten eine gewisse körperliche Fragilität an, sie besitzt durchaus Makel und Besonderheiten wie etwa Sommersprossen. Ein Mensch wie du und ich eben. Doch gerade deshalb kann diese Figur Unbehagen auslösen. Um meine Skulptur zu betrachten, muss man auf sie zugehen und sie damit beim äußerst persönlichen – bis hin zum autoerotischen – Ritual des Badens unterbrechen. Man besucht diese Figur nicht nur, man überschreitet auch die Schwelle zu einer persönlichen Intimität.

Der Masterabsolvent will eine alltägliche Situation aufzeigen, die jedoch durchaus poetisch sein kann. © Foto: Sylwia Makris

Ein Ziel meiner Arbeit war die Beschäftigung mit Voyeurismus: Ab wann spricht man davon? Was bedeutet es, Einblick in die intimen Blößen eines anderen, fremden Menschen zu erhalten? Liegt bei meiner Badenden das Verstörende vielleicht gar nicht in ihrer Nacktheit – sondern in der Banalität der Handlung, bei der man sie „erwischt“? Meet me there soll diese Situation prägnant zusammenfassen. Man stößt recht unvermittelt zu ihrem Baderitus hinzu, trifft sie aber, als Person, nicht wirklich an. In ihre Geschichte ist man nicht involviert, erhält keinen Einblick in ihr Seelenleben und wird von ihr auch nicht wahrgenommen oder beachtet. Der voyeuristische Blick bleibt, letzten Endes, unbefriedigt.


Meet me maybe, oder: Die Poesie des Unspektakulären

„Ein Gesicht, das von niemandem angesehen wird, verliert seine Bedeutung als Angesicht.“ (Sigrid Weigel)

Nun, da die Arbeit beendet ist, kann ich sagen: ich bin froh, dieses Vorhaben gewählt zu haben. Neben dem Erproben neuer Techniken konnte ich mit unbekannten Materialien experimentieren, meine Fingerfertigkeit trainieren und von Protagonisten aus den verschiedensten Bereichen der Branche, aus dem In- wie Ausland, lernen.

Neben der handwerklichen Übung war es aber auch die Beschäftigung mit den Themen Intimität und Alltäglichkeit, die sich für mich als bereichernd erwiesen hat. So war es gerade die Belanglosigkeit der Szene, die auf zentrale Fragen der künstlerischen Masken- und Skulpturenarbeit aufmerksam machte. Schließlich ist es weniger das Spektakuläre und Repräsentative als vielmehr unser Alltag, der uns als Personen und Menschen kennzeichnet.

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