L'Ancêtre Fund III: Noch unbekannte Klänge

22. Februar 2019 • Sonstiges Musiktheater / Operngesang Dramaturgie • erstellt von Julia Schinke und Raffaela Grimm

In der dritten Folge unserer Ausgrabung begeben wir uns auf die musikalischen Spuren von „L’Ancêtre“. Die Unbekanntheit des Werks führt dazu, dass es keine einzige Tonaufnahme gibt. Bisher weiß also noch niemand, wie die Oper klingen wird. Wir haben mit Eva Pons gesprochen, die für die musikalische Einstudierung der Chorpassagen verantwortlich ist. Im Interview verrät sie mehr über die musikalischen Besonderheiten von „L’Ancêtre“, spricht über den Komponisten Camille Saint-Saëns und gibt Einblicke in die Probenarbeit des Chors.

Mit der Oper L’Ancêtre hat der Master-Studiengang Musiktheater/Operngesang ein beinahe vergessenes Werk wieder ausgegraben. Wie geht man an ein Werk heran, dass seit 100 Jahren nicht mehr gesehen oder gehört wurde?

Der Unterschied zu einem geläufigeren Werk ist gar nicht so groß. Ich gehe eigentlich immer direkt vom Notentext aus und vom Wissen, dass man über den Komponisten und die Zeit hat. Das nehme ich als Ausgangsbasis. Hörgewohnheiten oder Youtube-Videos spielen da eigentlich keine Rolle. Was für uns in diesem Fall toll war, ist, dass man keiner Tradition folgen muss, sondern sich komplett auf diese quasi „Nach-Uraufführung“ konzentrieren kann. Man steht nicht in einem Vergleich mit Karajan und Simon Rattle im Zwang, eine neue Besonderheit herauszufinden, sondern man kann sich völlig entspannt auf sich selbst verlassen. Ich bin einfach in diese mir sehr nahestehende Zeit gegangen und habe mich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen auf die Noten fokussiert und auf eine Entdeckungsreise begeben. Wir konnten den Weg von Saint-Säens nachempfinden, suchen, was ihn inspiriert hat, wo sich das in der Partitur findet und herausfinden, welche Klangfarben für ihn was bedeuten.

Einen Teil der Klangfarben lässt Saint-Saëns auch durch den Einsatz eines Chors entstehen. Was macht die Chorpassagen in L’Ancêtre aus?

Gerade beim Chor finde ich sehr spannend, dass Saint-Säens viele Partien in der Bruststimmenregion einsortiert. Das Ganze spielt ja auf Korsika zu einer Zeit, in der Napoleon herrschte. Und durch die geschichtlichen Verwebungen war sicherlich die maurische Trauermusik auch auf Korsika wohl bekannt. Ganz anders als bei uns. Und bestimmt sind solche musikalischen Traditionen und auch folkloristische Elemente eine Inspiration für Saint-Säens gewesen, die zu dieser eher ungewöhnlichen Form des Chorsatzes geführt haben.

Regisseurin Eva-Maria Höckmayr arbeitet mit dem Chor auf der Probebühne.

Bedeutet dieser „ungewöhnliche“ Chorsatz auch eine besondere Form der Vorbereitung für den Chor? Wie laufen die Chorproben ab?

Vor Beginn der Probenphase habe ich schon einige Vorbereitungen getroffen. Dieses Vorgehen war besonders in Anbetracht der kurzen Probenzeit – wir hatten nur vier gemeinsame Chorproben – sehr wichtig und hilfreich. Als erstes habe ich den Chor so eingeteilt, dass die bis zu sieben Stimmen ausgeglichen verteilt sind und wir einen guten Chorklang bekommen. Anschließend habe ich die musikalische Einstudierung vorgefertigt, schriftlich in den Noten festgehalten und alle Chorpartien mit dem Klavier eingespielt. Dieses Übungsmaterial wurde dann an alle Chormitglieder geschickt. Zudem gab es noch ein französisches Sprachcoaching. Vor Probenbeginn wusste der Chor also genau, was kommen wird und war gut vorbereitet. Natürlich habe ich den Chor auch in die Geschichte der Oper eingeführt und versucht zu erklären, warum die Musik so komprimiert ist und was das emotional bedeutet. Während der vier Proben bestand unsere Arbeit dann eigentlich darin, den Chor auf das Stück und die Bühne im Prinzregententheater vorzubereiten. Denn auf einer großen Bühne, wie wir sie haben, braucht man viel Klang – und das bei nur 21 Sängerinnen und Sängern. Das heißt, meine Arbeit war, aus den Leuten so viel Klang wie möglich herauszuholen. Das wird im Gesang dadurch erreicht, dass man große Linien singt und eine Art Dauerlegato herstellt. Am Freitagabend hatten wir eine Chorprobe und die Mühe hat sich ausgezahlt. Es war eine große Freude!

Der vielschichtige Chorgesang in "L'Ancêtre" stellt einen spannenden Gegensatz zu den Solopartien her.

Erfüllt der Chor eine besondere Funktion in der Oper L’Ancêtre?

Ich denke, hätte man das Stück als Kammerspiel belassen, wäre es zu klein geblieben. Musikalisch stellt der komplexe Chorgesang mit den kleinen Motivversätzen, die zwar nicht Fugato aber doch sehr ineinander verwoben sind, ein Komplementär zum Sologesang dar. Über weite Strecken der Oper haben wir Sologesang, und damit die Solitärfunktion von Menschen, das Einsame und Verlassene, im Vordergrund. Ein Chorgesang, der so vielschichtig ist, ist da ein schöner Gegensatz. Dramaturgisch stellt der Chor für mich die öffentliche Meinung dar und dient als Art Geschichte der Menschheit. Man braucht Menschen, die spiegeln, aber nicht nachdenken und damit als Multiplikatoren fungieren.


Camille Saint- Säens gilt als einer der Vertreter französischer Musik. Hört man das auch in L‘Ancêtre? Was macht diesen französischen Sound aus?

Insgesamt ist es für mich ein sehr französisches Stück. Manche Stellen sind natürlich auch konventionell, manche sehr zart, reduziert und intim. Das Ganze ist durchwoben von einer Art Leitmotivik, die u.a. verbunden ist mit Nunciata, dieser sehr zerrissenen Frau. Da hören wir dann auch ihre Emotionen, ihren Schmerz in ganz besonderen Klangfarben. Der Chor singt unisono in einer tiefen Herzensfrequenz als Ausdruck der Klage und der Trauer, was ganz anders klingt als ein Verdi- oder ein Beethoven-Requiem. Wirklich sehr reduziert – auch in Kombination mit den Celli und den Fagotten. Irgendwie habe ich das Gefühl, man hört in dieser Form des Ausdrucks eine Zeit, die noch nicht durch zwei Weltkriege überschattet war. Natürlich ist die Musik auch dramatisch, aber insgesamt doch sehr, rund nicht so konstruiert. Vielleicht ist das das wirklich Französische daran: Ich sehe da niemanden, der sich das ausdenkt, sondern einen Komponisten, der immer vom Gefühl, vom Sentiment ausgeht. Ich höre weniger Debussy und Ravel aber, auf jeden Fall Massenet, Bizet, Berlioz und manchmal auch Gounod und die unterscheiden sich ja fundamental von der deutschen Musik.

Was unterscheidet Saint- Säens in seiner Opernkomposition von anderen französischen Komponisten?

Was mich berührt, ist die außergewöhnliche Instrumentierung, die in weiten Strecken kammermusikalisch ist. Saint-Saëns ist ein Meister der Reduktion. Er schreibt wirklich keinen Takt zu viel. Aber das ist toll. Er findet in der Kürze unfassbar schöne Farben, ist dabei aber, muss man auch gestehen, total anachronistisch. Mit Moderne hat das trotz der Entstehungszeit nicht viel zu tun. Er hat sich durchaus von der deutschen Romantik beeinflussen lassen: Er hat die ganz großen Linien mitgenommen, aber er hat in der Instrumentierung etwas ganz anderes gemacht. Er war ja ein fantastischer Organist und sein damit verbundenes Gefühl für Klangfarben hat er aufs Orchester übertragen. Wir hören zum Beispiel viergeteilte Celli mit den ersten Violinen gemischt. Die Celli halten nur einen Akkord und man hört förmlich das organistische Denken Saint-Säens. Ich bin sicher, das wird mit dem Orchester zusammen nochmal sehr spannend, ein richtiges Erlebnis. Noch wissen wir gar nicht, wie schön diese Musik klingen wird!


Der Chor für unsere Produktion L’Ancêtre ist eine spannende Mischung aus Studierenden der Gesangsklassen von KS Prof. Christiane Iven, KS Prof. Andreas Schmidt und Prof. Lars Woldt der Musikhochschule, freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern beispielsweise aus dem Rundfunkchor oder dem Opernchor Nürnberg sowie Laien. Eva Pons ist seit 2013 Dozentin für musikalische Einstudierung an der Theaterakademie August Everding.

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