© Jana Mila Lippitz

"Finde deine innere Kuh!"

14. November 2016 • Kulturkritik • erstellt von Natalie Broschat

"Finde deine innere Kuh!" Industriegebiet und -gebäude, Birgit Minichmayr und Busfahren. Das ist das College der Campustriennale 2016 mit einem dichten Stundenplan, strikter Taktung und ganz viel Theater.

Es geht los an einem Mittwochabend im September. Nach dem Einchecken im wundervollen vintage-retro-superalt-muffigen Kolpinghaus in Bochum mache ich mich auf den Weg in die Jahrhunderthalle. Ein imposantes Areal, rustikal und industriell, das ist das Ruhrgebiet. Hier findet seit 2002 jedes Jahr (alle drei Jahre unter neuer Intendanz) die Ruhrtriennale statt, um die etlichen Gebäude und Fabriken kulturell zu nutzen, die nach der letzten Architekturmesse IBA (Internationale Bauausstellung) Emscher Park im Jahre 1999 leer standen. Es treffen sich fast 50 Studierende von acht verschiedenen Theaterakademien Europas im Dampfgebläsehaus, holen sich ihren obligatorischen Jute-Beutel mit den Aufschriften Freiheit, Gleichheit oder Brüderlichkeit (Themen der aktuellen Ruhrtriennale) ab und studieren das Programm der nächsten vier Tage. Es wird ein straffes sein. Es gibt etliche Workshops, Theaterstücke und Performances zu besuchen und sich darüber auszutauschen.

Ich habe mich für den Workshop "Voice Resonances" bei der Finnin Laura Sipilä entschieden; es gab noch Puppenspiel oder strenges Schauspieltraining zur Auswahl. Wir beginnen am Donnerstagmorgen mit einem Aufwärmtraining. Die Stimmbänder, der Kiefer, der Mund, ja das gesamte Gesicht werden aufgeweckt. Durch Summen, Brummen und Mit-den-Lippen-einen-Fisch-Imitieren. Der Körper gehört ebenso dazu, weswegen im Raum umher gehüpft und gerannt wird, (An-)Spannungen sollen losgelassen werden. Als alle TeilnehmerInnen und deren Körperteile wach und warm genug sind, beginnen wir, Resonanzen auszumachen. Wo lässt sich ein "K" lokalisieren“, wo das "S"? Wir suchen und finden. Nicht nur im geschlossenen Raum, sondern auch draußen um die monumentale Jahrhunderthalle herum. Ein befreiendes Gefühl und sonderbar, da man nicht alle Tage zischend in der Gegend herum läuft. Wir suchen noch andere Dinge: die innere Kuh zum Beispiel. Ein durchdringendes "MUH" resoniert wohl im gesamten Gesicht. Und tatsächlich, als ich meine beiden Hände auf mein Gesicht lege und tief in mich hinein muhe, vibriert es durchdringend und ich habe meine innere Kuh gefunden. Die restlichen Tage verlaufen ähnlich; wir arbeiten und spielen in kleinen Gruppen mit verschiedenen Geräuschen, Silben, Resonanzen und organisieren Performances vor der spektakulären Industriekulisse. Auch tragen wir ein- und dasselbe Gedicht in den verschiedenen Sprachen der Workshopteilnehmer vor: Deutsch, Russisch, Litauisch, Finnisch, Holländisch. Nach drei Tagen bin ich der Meinung, dass ich die ganze Zeit Resonanzen suchend durch das Ruhrgebiet laufen könnte. So lang mein Atem reicht versteht sich.

Doch ich bin auch hier, um Theater zu machen, äh, zu gucken. Die "Truck Tracks" von Rimini Protokoll zum Beispiel, bei denen sie das College seitwärts in einem Truck sitzend und abwechselnd auf die Straße oder auf eine mobile Leinwand guckend durch die Umgebung fahren. Sie halten an verschiedenen Orten, um ruhrthematische Songs und Geschichten abzuspielen. Wir besuchen die drei Aufführungen der Masterclass, die dieses Jahr unter dem Thementitel
Zwischen.Welten entstanden sind und von Autobahnraststätten über adoleszente Verhaltensweisen bis hin zu einer Jagd durch das gentrifizierte Viertel Prenzlauer Berg in Berlin reichen. Beeindruckend war natürlich "MEDEA.MATRIX", Susanne Kennedys Abrechnung mit der verwirrten Frau in unserer feministisch-misogynen Gesellschaft – und umgekehrt – anhand der Projektionsfläche Birgit Minichmayr. Julian Rosefeldts fantastische Installation "Manifesto", in der ebenfalls eine Frau, Cate Blanchett, als Identifikation dient, war der zweite Höhepunkt der diesjährigen Campustriennale. Zwei unterschiedliche und doch sehr tragende Stücke. Das eine ein modernes und unklassisches Theaterstück, das mit etlichen Beamern und Leinwänden den Zuschauer zudröhnt. Das andere eine Zusammenstellung verschiedener und bedeutender Manifeste der Kunst; mithilfe der Filmkunst in 13 Projektionen dargestellt. Beide führen zu unsagbar viel Gesprächsstoff und Redebedarf, der nicht einmal ansatzweise in den Diskussionsrunden gestillt werden kann.

Viel Input und die Kommilitonen der anderen Universitäten machen die intensiven fünf Tage des College der Campustriennale zu einer intellektuellen Klassenfahrt; und Klassenfahrten waren und sind die ergiebigsten Lehrstunden.


Bericht von Natalie Broschat (Kulturkritik) über die Campustriennale 2016, die vom 14. bis 18. September im Rahmen des europäischen Netzwerks PLETA (Platform of European Theatre Schools and Academies) stattgefunden hat.

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