Die Hüllen fallen

24. Mai 2018 • Maskenbild - Theater und Film • erstellt von Melisa Tekin

Zwischen Waschbenzin und Haarshampoo lernen die Studierenden des Studiengangs Maskenbild – Theater und Film. Für Melisa Tekin öffnen sich die Türen. Auf ihrer Reise entdeckt sie Fleiß, Stress und den ein oder anderen Hauch von Wehmut...

Täuschend echt sieht Ines Tekins Babypuppe Ignaz aus.

Ignaz ist nackt. Seine Hände sind zu Fäusten geballt. Seine Mundwinkel zieht er nach unten. Der Bauch ist aufgebläht und die Haut fahl. Es scheint, als wäre etwas nicht in Ordnung. Er liegt auf dem Schoß der Frau. Mit seinen geschlossenen Augen wirkt die Atmosphäre, die den Raum erfüllt, warm und friedlich. Ines Tekin hält in ihrer rechten Hand eine Schere, in der linken den Kamm. Sie fährt Ignaz damit durch seine wenigen Haare, die an Flusen erinnern, von der Farbe aschblond und schneidet sie millimetergenau zurecht. Nur ein wenig, um nicht zu viel zu verändern. Dann greift sie nach einem Pinsel, tunkt ihn in rosa Farbe und schminkt ihm Lippen und Wangen. Sie haucht ihm Leben ein, denn Ignaz ist eine Babypuppe. Sechs bis acht potentielle Maskenbildner erhalten jedes Jahr einen Studienplatz an der Theaterakademie August Everding. "Super gute Leute sind immer ganz rar.", sagt Studiengangsleiterin Professor Verena Effenberg. Um einen Platz bewirbt man sich mithilfe einer Mappe, die eine Variation von Zeichnungen enthalten soll. "Wir achten dabei nicht unbedingt auf die schönsten Werke, die die perfekt scheinen. Es geht uns viel mehr um die Individualität. Um das, was mit den Bildern ausgedrückt werden soll und was sie mit Theater zu tun haben." Ist die erste Runde bestanden, müssen sich Anwärter in einer Eignungsprüfung beweisen. Bis sie dann letztendlich in der Akademie landen. Der Unterricht findet überwiegend in den einzelnen Werkstätten statt. Jeder hat einen eigenen Platz mit Spiegel, Licht und einem Arbeitstisch, an dessen Seiten sich Schubladen befinden. Überhalb des Spiegels hängen Ablagemöglichkeiten.

Farbtiegel, Make-up, Sprays, Pinsel und Bürsten... Die Utensilien stapeln sich förmlich in den Werkstätten des Studiengangs Maskenbild.

Zwischen Büchern, Gipsköpfen für zukünftige Perücken oder einem Wolfsschädel lässt sich durch genaueres Hinsehen auch so manche Packung Früchtetee und Instant-Cappuccino entdecken. "Meistens sind wir 12-14 Stunden in der Akademie. Und nicht selten montags bis sonntags." Sarah Dürrschmidt studiert im dritten Jahr und absolviert in knapp einer Woche ihr Studium. "Der Beruf ist stressig. Was man dafür bekommt, kann man nicht genau sagen. Der Nettoverdienst Bühne beträgt aber circa 1860 €." Persönlich zum Beruf ist sie durch ihren Vater gekommen, der selbst am Theater arbeitet: "Ich wollte etwas künstlerisches machen. Müsste ich mich aber entscheiden, würde ich zum Film tendieren, weil der mehr Realismus bietet, mehr Abwechslung."

Neben ihren üblichen Werkzeugen greifen MaskenbildnerInnen auch gern mal zu Früchtetee und Instant-Cappuccino für spezielle Effekte.

Während für den dritten Jahrgang die letzten Vorbereitungen für die Abschlussprüfung laufen, sind die Studenten des ersten und zweiten Jahres ein Stockwerk tiefer mit selbstständigem Arbeiten beschäftigt. Ihr Raum ist ein bisschen größer, die Wände ein wenig höher. Im Zentrum steht ein Regal voll mit Puppenköpfen. Daneben tummeln sich Bürsten, Lockenwickler, Hydroöl, Rasierschaum, Gaffa Tape, Kleister und sogar eine Packung Spülmittel. Jeder übt und arbeitet an etwas anderem. Während eines der Modelle gerade eine Glatze bekommt und die nächsten fünf Stunden auf ihrem Stuhl ausharren muss, ist Ines Muhalic dabei, eine Perücke zu knüpfen. "Das ist die Probeperücke, an der ich übe und lerne.", erklärt sie. "Eine Dozentin hat uns gezeigt, wie wir die Montur dafür aufbauen und auf verschiedene Arten knüpfen." Den Rest bringt sie sich selbst bei. Ganz dicht sitzt sie dafür an dem Gipskopf. In der einen Hand die Nadel, in der anderen einen Büschel Echthaar. Sie zieht sich ein Härchen heraus, fädelt es durch das Tüllloch und macht einen Knoten in der Masche. So geht das Stunden lang. Genau kann sie nicht sagen, wie viel Zeit sie bisher schon dafür aufgewendet hat. "Am Anfang hatte ich wirklich Probleme damit. So lange zu sitzen, auf einen Fleck zu starren. Aber man gewöhnt sich an alles und man muss darauf achten, genügend Pausen einzulegen." Während sie erzählt, blickt sie kaum nach oben: "Es gibt in jedem Bereich mühsame Arbeiten, aber auch einfach so tolle und spannende Sachen. Hier am Theater erlebe ich immer etwas Neues." Plötzlich lacht jemand, zwei andere unterhalten sich leise, dann sticht das Geräusch des Abschleifens einer Nadelspitze heraus. Übertönt alles andere. Obwohl von jeder Ecke Geräusche auf Ines einprasseln, wirkt sie zu keiner Zeit abgelenkt. "Für mich ist Maskenbild ein Traumberuf. Vor allem fasziniert mich so daran, dass ich die Kunst erlerne, Illusionen herzustellen. Figuren zu machen, neu zu interpretieren. Das einfach verstanden zu haben." Sie legt die Nadel aus der Hand, greift nach einer Wasserspritze. Zweimal drückt sie ab. Das Geräusch des Zerstäubers jedes Mal dumpf. Der Strahl präzise und stark. Mit einer Bürste fährt sie durch die Haare, dann knüpft sie weiter.  

Bei der großen Master-Ausstellung zeigen die Studierenden das letzte mal ihre Werke, bevor sie die Akademie verlassen und in das Berufsleben starten.

Auf der anderen Seite des Zimmers wird die Maske für ein Fotoshooting vorbereitet. Die Tür geht auf, Frau Effenberg betritt das Zimmer und steuert direkt darauf zu. Sie beobachtet einige Sekunden wie Martin Knoll eine Rokokoperücke anlegt, doch einige Nadeln verhindern den richtigen Sitz. Die Professorin und er versuchen das kleine Problem gemeinsam zu lösen, denn es herrscht Zeitdruck. "Wenn ich sehe, wie Studierende von mir lernen und das Hand in Hand geht, ich Impulse gebe und die Studierenden Impulse geben, dann kann sich der Studiengang weiterentwickeln und etwas ganz Einmaliges, wie jetzt beim Masterjahrgang, herauskommen." Caterina Veronesi ist eine dieser Masterstudierenden. Sie steht an ihrem Arbeitstisch. Die Airbrushpistole in der Hand. Vor ihr sitzt ihr Zwilling. Für ihre Prüfung hat sie zwei Abbilder ihrer selbst geschaffen. Nur ein wenig kleiner. Die beiden Skulpturen beschäftigen sich mit dem Loslassen von Geliebtem und Gewohntem und der damit verbundenen Befreiung, dem Finden von Glückseligkeit. Damit die violette Ölfarbe durch die Öffnung der Pistole geht und sich danach gut mit dem Silikon verbinden kann, mischt sie Waschbenzin hinzu. Dann setzt sie an. Das Werkzeug, das nicht viel größer als ein gewöhnlicher Kugelschreiber ist, führt sie an der feuerroten Silikonfigur entlang. "Lila funktioniert auf dem Rot gut, um Adern und die Hautstruktur darzustellen." Für die Masterstudierenden läuft gerade ihre letzte Woche an der Akademie. Danach geht es für sie ins echte Berufsleben. Wenn Caterina über ihre Zeit spricht, merkt man, wie viel Spaß sie hatte: "Wir haben es hier echt richtig gut. Einerseits bin ich traurig, weil ich so lange hier war und irgendwie eine Ära zu Ende geht. Aber es ist jetzt auch okay zu gehen, denn das nächste Kapitel steht an. I’m ready." 

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