Dead End

26. Februar 2018 • Maskenbild - Theater und Film • erstellt von Julian Hutcheson

"Eine skulpturale Visualisierung der ambivalenten Beziehung zwischen Mensch und Natur": Diesen Untertitel trägt die Abschlussarbeit unseres Maskenbildstudenten Julian Hutcheson. Zusammen mit drei weiteren baldigen Absolventen wird auch er bei der Ausstellung des Studienganges Maskenbild – Theater und Film dabei sein. Im Blog verrät er uns schon vorab seine kritischen Gedanken zum Wechselspiel zwischen unserer modernen Gesellschaft und der Urgewalt Natur.

Die Arbeit zeigt den Menschen, der versucht, sich aus seinem natürlichen Gehäuse - der Natur - zu befreien.
Foto: © Sylwia Makris

Making of...

Der Kopf ist zurückgeworfen, Augen und Mund sind weit aufgerissen, die Halsschlagadern drohen zu zerspringen. Hier wird gekämpft; ein Mensch entwindet sich einem Baumstamm, als ginge es für ihn um Leben und Tod. Ich wählte diese Skulptur als Sinnbild für das konfliktreiche und selbstzerstörerische Verhältnis zwischen einer hochtechnisierten, zivilisierten Gesellschaft und der Natur mit all seinen verheerenden Folgen. Da ich bei meinem Masterprojekt absolute Freiheit bei Themenwahl und Gestaltung hatte, entschloss ich mich, ein aktuelles Thema aufzugreifen und es mit Hilfe meiner während des Studiums angeeigneten maskenbildnerischen Fähigkeiten zu visualisieren. Ich bin mir bewusst, dass mein Projekt weit über Maskenbild hinausgeht – aber so bot sich die Chance, die vielseitigen Möglichkeiten, die in diesem Berufsbild liegen, zu entdecken und anzuwenden.

Das Motiv ist eine Chiffre für die großen ökologischen Probleme unserer Gegenwart und für die Frage, wann die Anpassungsfähigkeit und -möglichkeit einer Gesellschaft an ihre Grenzen stößt.




Körpermaterial

Um einen Körper in dieser höchst expressiven und naturalistischen Haltung darzustellen, setzte ich mich lange Zeit mit anatomischen Studien auseinander. Die richtigen Proportionen für die Gliedmaßen mussten herausgefunden werden, Muskelstränge und Adern, Zähne und Haare sollten naturgetreu nachgebildet werden. Die große Fläche, an der ich arbeitete, war absolutes Neuland. Doch die Probleme, die auftraten, erwiesen sich immer wieder als motivierend und brachten mich voran. Scheitern war nicht eingeplant. Der männliche Torso, der sich aus seinem natürlichen Gehäuse zu befreien sucht, besteht aus artifiziellem Silikon, weil damit ein hyperrealistischer Ausdruck erreicht werden kann. Im Gegensatz dazu steht der echte, in seiner Stofflichkeit unberührte Stamm. Zwischen diesen beiden Elementen besteht ein fließender Übergang, der im Kampf jedoch aufzubrechen beginnt.

Der Torso wurde aus artifiziellem Silikon gefertigt. Mit diesem Material ist es möglich, einen hyperrealistischen Ausdruck zu erzielen. Foto: © Sylwia Makris

Natur und Kultur

Warum habe ich gerade dieses Thema gewählt? Die Entfremdung zwischen Mensch und Natur beschäftigt mich seit Jahren, denn sie nimmt in einer hochtechnisierten Welt immer gefährlichere, oft katastrophale Ausmaße an. Die bestehenden Abhängigkeiten von einer intakten Umwelt werden zugunsten ökonomischer Interessen immer wieder zurückgedrängt. Der schnellen Rendite wegen wird vergessen, dass natürliche Ressourcen wie sauberes Wasser, saubere Luft und sauberer Boden die Lebensgrundlage für die jetzige und künftige Generationen bilden. „Die heilige, mächtigste Spezies Mensch“¹ handelt prioritär zum unmittelbar eigenen Gewinn - ohne Rücksicht darauf, ein intaktes Lebensumfeld für Menschheit, Tier- und Pflanzenwelt zu sichern.

Der Begriff der Natur umfasst für mich alles, was nicht vom Menschen geschaffen worden ist. „Natur gehört zu dem, was bleibt und sich nicht selbst vernichtet.”² Sie ist aufzuteilen in Wesen und Substanz. Der Mensch ist Erzeugnis, und sie ist für uns die Quelle des Lebens. Zivilisation und Kultur hingegen umfassen das, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt.

Im Laufe der Geschichte existierten unterschiedliche Naturbilder. Bis zur institutionellen Etablierung des Christentums in der Spätantike dominierte eine auf Ehrfurcht basierende Beziehung zwischen Mensch und Natur. Die Abhängigkeit war groß; Naturphänomene wurden als Zeichen der Götter empfunden und man versuchte, einen direkten Zusammenhang zum eigenen Verhalten herzustellen. Dagegen sah das Christentum den Menschen berechtigt, über die Natur zu herrschen. Bereits im Buch Genesis steht: “Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alles lebendige, was auf Erden kriecht!”³

Sturm und Drang und besonders die deutsche Romantik sahen die Natur erstmals als Sinnbild für eigenständige und wahre, vom Menschen nicht beeinflusste Schönheit, Harmonie und Vollkommenheit. Sie wurde wieder als emotionaler, identitätsstiftender Bezugspunkt wahrgenommen, aus welcher sich wichtige Lehren für den Menschen ziehen ließen. Mit der Aufklärung setzte die Gegenbewegung ein. Rationalität, Effektivität und Wissenschaft traten in den Vordergrund, Natur wurde auf seine Bedeutung als Untersuchungs- und Nutzungsgegenstand reduziert. Sie wurde in Enzyklopädien katalogisiert, nach festen Regeln im Lexikon erfasst und verlor bei diesem Prozess ihre ästhetische und künstlerische Bedeutung.

Und heute?

Obwohl sich Naturkatastrophen häufen und die warnenden Stimmen immer lauter werden, beurteilt der Großteil unserer westlichen Industriegesellschaften Natur primär nach ihrem Freizeitwert und ihrer ökonomischen Bedeutung. Klimawandel oder Artensterben werden billigend in Kauf genommen, sei es aus Ignoranz, Ohnmacht oder Opportunismus. Wirtschaftlicher Profit hat in der Regel Vorrang. Die meisten Menschen verhalten sich den auftretenden Problemen gegenüber eher gleichgültig; sie sorgen sich vorrangig um ihren Arbeitsplatz oder fühlen sich nicht in der Lage, etwas zu verändern...

Aber es gibt auch die andere Seite. Der Club of Rome hat mit einer groß angelegten wissenschaftlichen Studie unter dem alarmierenden Titel Die Grenzen des Wachstums viele Menschen wachgerüttelt. Dieser Kreis aus Wissenschaftlern kommt zu dem Ergebnis, dass Wirtschaften in einer kapitalistisch verfassten Gesellschaftsordnung weder ökologisch noch sozial verträglich sein könne. Seitdem kann zumindest in Europa keine Regierungspolitik mehr ökologische Gesichtspunkte ignorieren. Kaum eine Partei kann auf die Forderung nach ökologischem Handeln verzichten. Vorläufiger Höhepunkt dazu ist die Selbstverpflichtung der Europäischen Union im Pariser Klimaabkommen 2015, den Temperaturanstieg auf zwei Grad auf der Erde zu begrenzen.

Die Skulptur soll als Mahnmal dienen: Gegen die Zerstörung der Natur durch Menschenhand.
Foto: © Sylwia Makris

Resümee

Meine Skulptur thematisiert meine Sicht auf das gegenwärtige schwierige Verhältnis zwischen Gesellschaft und Natur. Mit immer neuen wissenschaftlichen und technischen Innovationen gelingt es zwar, die Abhängigkeit von den natürlichen Lebensgrundlagen zu reduzieren. Ethische und moralische Fragen treten dabei oft in den Hintergrund. Die wachsenden Bedürfnisse oder Begierden, die Wissenschaft und Technik heute erfüllen können, treiben diese Veränderung voran. Ausbeutung der Natur und Schutz vor den Folgen stehen sich gegenüber. Dieser Entwicklung aber sind natürliche Grenzen gesetzt. Dieser Prozess bedeutet für die Menschheit schmerzhafte Erfahrungen, führt oft genug auch zu Katastrophen. Für diese Problematik möchte ich mit meiner Skulptur sensibilisieren.



¹ Nietzsche, Friedrich: Nachgelassene Fragmente. In: Nietzsche, Friedrich: Kritische Studienausgabe. Band 12. Verlag dtv, München, 1999.
² Schiemann, Gregor: Handbuch der Kulturwissenschaften. In: Jaeger, Friedrich/Liebsch, Burkhard/Rüsen, Jörn/Straub, Jürgen: Handbuch der Kulturwissenschaften. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart, 2011. S. 60.
³ Vgl. Die Bibel. Genesis 1, 23.

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