Annäherung an eine fremde Kultur

01. Juni 2018 • Regie • erstellt von Jana Gmelin

Am 12. Juni feiert Caner Akdeniz' Abschlussarbeit Faust, vielleicht? im Akademietheater Premiere. Die DarstellerInnen des Stücks sind Gäste aus Istanbul, die die Deutsche Sprache nicht beherrschen und sich nur über die Phonetik den Text aus Goethes Drama aneignen. Dabei steht nicht nur der Pakt zwischen Faust und Mephisto im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Geschichte eines jeden von uns.

Die große Schultafel hilft beim Vokabeln lernen.
Foto: © David Moser

Ungewohnt fremd klingen die türkischen Sprachfetzen, die seit wenigen Wochen vermehrt über den Innenhof der Theaterakademie hallen. Die sechs SchauspielerInnen der Abschlussproduktion des Regiestudenten Caner Akdeniz mischen sich in ihren Pausen unter die deutschen Studierenden und fallen lediglich durch ihre melodisch fremd klingenden Unterhaltungen auf.

Die Auseinandersetzung mit der Sprache ist sowohl Inhalt als auch Form des Experiments, das der Regisseur in seinem Stück Faust, vielleicht? wagt. Die Gäste aus der Türkei nähern sich über das Drama Goethes der deutschen Kultur. Abgesehen von zahlreichen Diskussionen über die Aktualität des Stücks oder die persönlichen Anknüpfungspunkte zu Fausts Geschichte heißt das zunächst – Text lernen. Auf Deutsch.


Mit einer selbst erfundenen Lautschrift nähern sich die türkischen SchauspielerInnen Goethes Text an. Foto: © Jana Gmelin

Als ich Anil, einen der Darstellenden, im Hof treffe, beugt er sich über sein in Fantasie-Lautschrift übersetztes Skript: "Heiße Magister, heiße Doktor gar" – aneinandergereihte Zeichen, die sich für ihn zunächst überhaupt nicht mit dem Faust verbinden, den er auf Türkisch kennt. Er würde die Worte, die er da lernt, so gerne lieben können, meint er, aber besonders dieses eine Wort, "heiße", damit könne er nichts anfangen. Ich versuche ihm zu erklären, was es bedeutet und wenigstens ein kleines bisschen Zuneigung für das ihm fremde und mir alltäglich belanglose Wort heraufzubeschwören. Nur wie?

Der intensive Probenprozess bringt uns dazu, über unsere Sprachen nachzudenken. Die SchauspielerInnen vergleichen, übersetzen und erklären sich die sperrigen deutschen Texte, suchen Anhaltspunkte für das Auswendiglernen. Und indem auch ich reflektiere, dass das Wort "heißen" eigentlich sehr liebenswert ist, da es mich vorstellt, da es der erste Kontakt zu meinem Gegenüber ist, nähere ich mich sowohl meiner eigenen als auch der fremden, in die Sprache eingeschriebenen, Kultur an.

Was Caner Akdeniz mit den SchauspielerInnen in den vergangenen Wochen erarbeitet hat, ist vielleicht Faust. Vielleicht aber auch ein Stück über sie selbst, über mich, über uns.

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