Winterschool: Share and Shift – Transforming the body

03. März 2020 • Schauspiel

Internationaler Workshop im Rahmen von PLETA vom 6. bis 17. Januar 2020

Ein wechselseitig privater und professioneller Erfahrungsbericht von Jakob Tögel und Lisa Schwarzer

Tag 1 (3)

Ich bin zu spät. 3 Tage. Vielleicht um wenigstens etwas Zeit wett zu machen, oder weil ich nervös und zu Fuß zum Theater gelaufen bin und den Weg falsch eingeschätzt habe, stehe ich eine halbe Stunde vor Beginn des täglichen Warm-Ups vor vermeintlich verschlossenen Türen. Jemand öffnet das Tor, welches ich als Eingang ausgemacht hatte. Meine Chance. Ich häng mich dran. „Hi, my name is Jakob. I’m one of the Munich Students. I missed the first 2 days, cause I had to work.“ Er sagt mir seinen Namen, den ich sofort vergesse (Karel, Schauspielstudent, ein sehr schlauer Kopf der mit jeder Person mindestens sehr gut befreundet zu sein scheint. Auch mit denen, die er gerade erst kennenlernt. Karel fällt auf, probiert, will, macht. Manchmal ist mir das zu viel.)
Nach ein paar Tagen stellt sich raus, dass Karel das alles zu erzählen, völlig überflüssig war, weil man sich hier zwar vom Sehen kennt, aber es keine kollektiven, Workshop-übergreifenden Aktivitäten gibt, weswegen es, salopp gesagt, egal ist, wer du bist, wann du kamst und weswegen du zu spät bist. Beruhigend, wie ich finde.
Ich schüttle noch einer Person die Hand – mittlerweile befinde ich mich in einem Raum mit wahnsinnig vielen Menschen, die sich, teils in Kleingruppen, aufwärmen – und beschließe, das mit dem persönlichen Vorstellen jetzt sein zu lassen.

Nicanor Di Elia, gebürtiger Argentinier, absolvierte seine Ausbildung in Lido, Toulouse in Acrobatic Dance und Circus mit einer Spezialisierung im Jonglieren. Seither arbeitet er als Performer, Choreograph und Zirkusartist. Mittlerweile führt er zwei Kompanien in Belgien und lebt in Frankreich.
In unserem Workshop ging es um seine Kunstpraxis, die COPYLEFT-Technik, die auf bereits bekannten Herangehensweisen basiert. Der Körper ist zentral in Relation zu Raum, Umgebung und anderen Körpern.

Tag 4 (6)

„What soup is it today?“
„I think it’s peas.“
„Yeah right. Mhh, it’s tasty.“
„Yah, not as watery, as the one 2 days ago.“
Anmerkung: Die täglich bereitgestellte Suppe, aus Schüsseln trinkend zu sich genommen, ist ein Fixpunkt des Tages, der um einiges mehr Gesprächsstoff bietet, als man es sich von Suppe je hätte träumen lassen.

Wir haben verschiedene Grundbausteine wie FULL BODY, SHINING, CURVES, DOORS, OPEN EYES usw. gelernt und diese dann später in einer spielerischen Gruppenimprovisation umgesetzt.
FULL BODY zum Beispiel bedeutet, dass, egal was du machst, ob du stehst oder dich bewegst, jede Faser deines Körpers beteiligt und wachsam ist. SHINING kann man auch gut mit Präsenz und Aufmerksamkeit übersetzen. Also, dass ich nicht in mich hineinfalle, sondern meine Aufmerksamkeit in meinem Körper habe (also den Full Body nicht vergesse), aber auch nach außen wach und aufmerksam bleibe. Daran knüpfen auch die OPEN EYES an, das ist selbsterklärend.

Tag wasweißich (9)

10 Minuten Pause. 1 Apfel im Foyer. 2 Mädels aus dem Trance-Workshop laufen schreiend an uns vorbei. Ich glaube, eine ist ein Huhn. Die andere ein Fuchs. Unterschreiben würd ich das aber nicht.

CURVES war ein wichtiger Teil, da wir uns die ganze Zeit im Raum bewegt haben und nie in geraden Linien gehen durften. ALSO: TAKE YOUR DANCE SOMEWHERE! Jeder Vorschlag, den ich in den Raum bringe, soll einen Grund haben, ich sollte es mit den anderen teilen wollen, etwas damit erzählen wollen. Nie einfach etwas abbrechen und die Fläche verlassen, sondern meine Bewegung fortführen, sich entwickeln lassen, bis vielleicht eine neue Inspiration von mir, von außen oder sonst wo kommt und ich meine Geschichte zu Ende erzählt habe und den Raum bestimmt verlasse. Das heißt, es ist immer erlaubt, sich von anderen inspirieren zu lassen, ganz nach dem Prinzip COPYLEFT eben. Sozusagen das Gegenteil von Copyright, was in der Kunst groß im Kurs steht. Stattdessen arbeiteten wir damit, uns gegenseitig zu inspirieren und inspirieren zu lassen, um dann unsere eigene Übersetzung von Bewegungen usw. zu finden.
Am Ende kam eine 15-minütige Gruppenimprovisation mit all diesen Elementen, Zirkuselementen wie dem Chinese Pole, Theatertext, Musik und einer großen Gruppenspannung zu Stande.

Tag 10 (12)

Presentation Day.
WIE, WIR KÖNNEN GAR NICHT DIE ANDEREN PRÄSENTATIONEN SEHEN?! Worum geht's hier denn eigentlich?
I always fuck up the Choreography.
Alexander’s not there today.
Alexander is the leader of the workshop.
Feels a bit like being abandoned.
But Mariana und Antoni are there for us. Weirdly kinda like parents.
I’m sensing a collective nervouseness.
Ein schönes Gefühl.
Ein wenig wie Ferienlager.
Eigentlich eher Boot Camp.
Schließlich haben wir uns täglich von 10 bis 18 Uhr quasi durchgehend bewegt.
„You can watch the first two presentations. Then let us come together and do a warm-up.“
Wir sind als Viertes dran.
Ich mache Fehler.
Egal.
Darum geht's nicht.
Vielleicht geht's darum, dass es einem halt nicht egal ist.
Dass man sich zwei Wochen mit einem Haufen fremder Artistinnen und Artisten, Schauspiel-, und Dokumentarfilmstudierenden in was reingehängt hat, was einem, genauso wie die Personen, jetzt am Ende der zwei Wochen, nicht mehr fremd ist.
Der Titel der Winterschool scheint gut gewählt.

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