Rückblick eines Dramaturgen auf einen Online-Probenprozess

15. April 2020 • Schauspiel Dramaturgie

Mit "Wir sind noch einmal davongekommen" feiert die Theaterakademie am 16. April 2020 wohl eine der außergewöhnlichsten Premieren seit ihrem Bestehen. Die ganze Welt kann dabei sein - von ihrem Wohnzimmer aus. Wie ein virtueller Theaterabend entsteht und was eine Premiere via Youtube für alle Beteiligten bedeutet, darüber spricht der Dramaturg der Produktion, Peter Sampel, in unserem heutigen Blogpost.

Ein Text von Peter Sampel

Das Theater lebt von seiner Momenthaftigkeit, seiner Unmittelbarkeit. Es funktioniert durch die enge Zusammenarbeit aller Abteilungen: dem künstlerischen Team, den technischen Abteilungen und der Verwaltung. Und vor allem lebt es durch die physische Anwesenheit von Zuschauer*innen.

In Zeiten der Aufsprengung von Genres und Konventionen gilt die bloße Anwesenheit von einer oder mehreren Personen, die eine Bühnensituation oder -aktion live betrachten, als Minimaldefinition von Theater. Wie macht man dann aber Theater, wenn dieses wichtigste Charakteristikum wegfällt? Wie wird agiert, wie rezipiert? Und was geschieht mit einer etablierten Kunstform, die plötzlich einen Medienwechsel erfährt?

Als wir Anfang März kurz vor Probenbeginn in die intensive Vorbereitungsphase für unser Projekt gingen, hatte die Stückwahl und die damit verbundenen Kernthemen eine völlig andere Bedeutung als heute, sechs Wochen später. In Thornton Wilders Wir sind noch einmal davongekommen (im Original The Skin of Our Teeth) werden die Figuren von einer Katastrophe nach der anderen geplagt. Da herrscht mitten im Sommer eine eiszeitartige Kältewelle, die Menschen müssen sich vor einer biblischen Sintflut retten oder ein zerstörerischer Krieg bricht aus. Die Krisen sind nicht immer außerhalb der Macht der Menschen, sie sind zum Teil oder vollends selbst gemacht.

Bevor die Corona-Krise in Europa ausbrach und damit das öffentliche Leben lahmlegte, hätte man bei Wilders Drama an die menschengemachte Klimakatastrophe gedacht, an den Rechtsruck und die Infragestellung von Demokratien, an Kriege und Spannungen überall in der Welt. Die Assoziationen mit unserer Realität waren dabei entweder räumlich entfernt oder zeitlich entfernt, weil das tatsächliche Eintreffen der Katastrophen noch in der Zukunft liegt.

Und dann kam Corona und stellte auf einmal alle anderen politischen und sozialen Debatten in den Schatten. Die Nachrichten sind fast ausschließlich gefüllt mit Meldungen über die Pandemie, alles andere scheint erst einmal auf Eis gelegt. Und plötzlich erfuhr unser Projekt auf eine gespenstische Art und Weise eine ganz neue und eigene Aktualität.

Als am 11. März – dem Tag, an dem wir anfangen wollten zu proben – auf behördliche Anweisung der Proben- und Spielbetrieb an der Theaterakademie August Everding umgehend einzustellen war, sahen wir unsere Produktion zunächst vor dem Aus. Doch noch in derselben Woche begann unser Regisseur Marcel Kohler, Ideen für die Übertragung des Stoffes auf eine Online-Inszenierung zu sammeln. Und bereits drei Tage später, am Samstag, den 14. März, hatten wir unsere erste Probe auf Skype, ohne dass sich ein Teil des Teams jemals physisch gesehen hatte.

Die ersten Probentage bestanden aus Ausprobieren. Ausprobieren, was im Medium der Videokonferenz an theatralen Mitteln überhaupt funktionieren würde. Austesten, wo die technischen Gegebenheiten Grenzen aufzeigen würden. Ziemlich schnell merkten wir, dass im Theater alltägliche Bestandteile wie chorisches Sprechen oder Tanzen nicht funktionieren würden. Allgemein sorgte die direkte Übertragung von Dialog und Interaktion auf neun Schauspieler*innen hinter ihren Webcams für eine schiere Überforderung an Informationen, auf visueller und akustischer Ebene. Es musste entschleunigt werden.

Nach einer guten Woche verschiedenster Versuche für diesen Abend – mal sehr nah am eigentlichen Text von Wir sind noch einmal davongekommen, mal sehr weit entfernt – entschieden wir uns, die Geschichte des Stückes zu erzählen und dafür aber die bildliche und akustische Ebene zu trennen. Nils Strunk kreierte mit unserem Ensemble eine eigene Audiospur, auf die Marcel visuell inszenierte. Die Video- und Tontechnik der Theaterakademie versorgte die Schauspieler*innen mit der adäquaten technischen Ausrüstung. Natalie Soroko bastelte Masken, die sie per Post an das Ensemble verschickte, und gab den Schauspieler*innen aus der Entfernung Tipps zu Kostüm, Maske und Raum. Langsam kehrte Routine in der ungewohnten Probenumgebung ein.

Der Prozess hat uns alle vor große Herausforderungen gestellt. Damit die Technik nicht zusammenbrach, gehörte es z.B. auch dazu, dass das künstlerische Team hinter der Bühne (bzw. hinter den Bildschirmen) bis auf Marcel während der Proben ihr Mikrofon und Bild bei den Videochats ausschaltete. Bei den Proben mit der originalen Videotechnik des Livestreams war man grundsätzlich nur stumme*r Zuschauer*in. Die durch die räumliche Distanz ohnehin schon gestörte Kommunikation erfuhr also noch eine weitere Hürde. Anstatt Dinge kurzfristig und sofort zu besprechen, erforderte dies noch einmal weitere Videokonferenzen nach den Proben.

Für viele von uns verschob sich der Aufgabenbereich immens. Zum Beispiel fungierten die Schauspieler*innen als ihre eigenen Bühnen- und Maskenbildner*innen. Aber auch für mich als Dramaturgen der Produktion war die Arbeit anders. Da in einem Medium wie diesem eine ganz andere Detailarbeit erforderlich ist als sonst, habe ich weniger am Text und den Inhalten gearbeitet als vielmehr intensiv zwischen unserem Team und der Theaterakademie kommuniziert und unseren Probenprozess für die Öffentlichkeit vermittelt.

Für mich, aber auch für unser gesamtes Team, wird die Arbeit an Wir sind noch einmal davongekommen eine extrem lehrreiche und bereichernde sein. Trotzdem ist für uns diese Art des Theatermachens in keinem Fall ein adäquater Ersatz, für das, wie man sonst Theater macht. Es fehlt so Vieles, was die Theaterarbeit ausmacht und sei es einfach nur, dass man nach einem langen Probentag gemeinsam als Team noch etwas trinken geht. Und auch das wunderschöne Gefühl von Menschen, die gemeinsam in einem Raum zusammenkommen, um Theater zu gucken, kann ein Livestream nicht reproduzieren.

Wenn uns also die Schließung der Theater etwas Gutes bringt, dann ist es die Gewissheit, dass das Theater trotz allem einzigartig und durch kein anderes Medium ersetzbar ist. Ein tröstlicher Gedanke in diesen aufwühlenden Zeiten.

Morgen gibt es das Ergebnis dann endlich auch für alle zu sehen.
Wo? Auf unserem YouTube Kanal.
Wann? Um 19.30 Uhr.


Wir sind noch einmal davongekommen
Theaterstück von Thornton Wilder

Videokonferenz-Livestreaming:
Donnerstag, 16. April 2020, 19.30 Uhr
auf 
https://youtu.be/KcOXN5JM1A8

Werkeinführung um 19.25 Uhr

Empfohlen ab 14 Jahren


Inszenierung und Bühne  Marcel Kohler
Kostüm  Natalie Soroko
Dramaturgie  Peter Sampel
Akustische Regie  Nils Strunk
Digitale Konzeption und Videodesign  Thilo David Heins
Streaming-Operator  Stefan Arndt
Sounddesign und Liveton-Mischung  Georgios Maragkoudakis
Licht  David Jäkel
Regieassistenz und Abendspielleitung  Benjamin Kohler
Regiehospitanz  Marie Fuchs

Mit Aydin Aydin, Oscar Bloch, Sebastian Kremkow, Luiza Monteiro, Steffen Recks, Sandra Julia Reils, Tamara Romera Ginés, Fabio Savoldelli und Berit Vander

Theaterakademie August Everding und Hochschule für Musik und Theater München mit dem Studiengang Schauspiel (Leitung: Prof. Jochen Schölch)

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