Lila, Lila oder: Vom Schauspieler zum Masken- und Bühnenbildner

04/08/2020 • Schauspiel Dramaturgie • created by Angelika Meyer-Speer

Videos von Schauspielern*, die selbstgeschriebene Songs trällern. Die sich mit Yogaübungen im Wohnzimmer in Form halten oder Zähne putzen, Texte vorlesen oder ihre Gedanken mit der Außenwelt teilen. Von Schauspielern, die Kartenhäuser bauen und Wein trinken, sich wechselseitig zuwinken oder zuprosten. Sie sind Entertainer, Musiker, Autoren und Lyriker, Akrobaten, Sportskanonen, Alleinunterhalter und Künstler. Mal längere, mal kürzere Clips, in denen Schauspieler, so viel mehr sind als „bloße“ Akteure, Menschen, die ungeahnte Talente zum Besten geben, gehen momentan viral und verbreiten sich im Netz fast ebenso pandemisch wie das Virus, das diese Welle an unfreiwilliger Kreativität überhaupt erst losgetreten hat. Auch unsere Schauspielstudierenden des Abschlussjahrgangs sind lange nicht mehr nur Akteure einer Inszenierung. Längst sind sie zu Maskenbildnern und Set-Designern geworden. Über den Aufruf zur Eigeninitiative und den Einfallsreichtum von Künstlern in Krisenzeiten.

Starr blickt sie einem entgegen, ihre feinen Züge sind vage zu erahnen, obgleich eine dicke Schicht weißer Farbe ihrem Gesicht eine beunruhigende Gleichmäßigkeit verleiht. Sie hat etwas von einem Pierrot, dem traurigen Clown. Ein Bild, das in Zeiten der Corona-Krise nicht treffender sein könnte. Und ein Hauch Joker ist da auch dabei, wenn der Lippenstift verwischt und die Mascara nicht wasserfest ist. Fast wirkt es ein bisschen, als hätte sich Tamara Romera Ginés vom Aquarell hinter ihr an der Wand inspirieren lassen.

Sie ist eine von neun Schauspiel-Studierenden, die mit Wir sind noch einmal davongekommen von Thornton Wilder kommenden Donnerstag ihr Abschlussstück präsentieren. Virtuell, vor dem Laptop sitzend, in ihren eigenen vier Wänden und vor allem - in ihrem ganz eigenen Bühnenbild mit ihrem ganz eigenen Make Up. Wo man sich bis vor wenigen Wochen noch auf Maskenbildner und Set-Designer verlassen konnte, ist das Team unter der Regie von Marcel Kohler nun ganz auf sich allein gestellt. Und obwohl Theater von einem Miteinander lebt, vor wie hinter der Bühne, legt nun jeder selbst Hand an - mit Rouge, Lidschatten und Lippenstift. Am Ende steht ein wirres Suchbild aus bunt geschminkten Fratzen, eine Collage aus grotesken Clowns, alle aus einem Guss, aber eben doch irgendwie anders. Alle zusammen und doch jeder für sich. Individualität in der Pluralität.

Aber Tamaras Blick ist nicht nur ein wehmutsvoller. Er gibt auch Hoffnung, dieser traurige Clown. „Wenn ich jeden Tag in die Gesichter der Gruppe sehe und sehe, wie sie sich in ihr Abschlussprojekt schmeißen, obwohl es nun völlig anders wird, als sie es sich in den drei Jahres ihres Studiums hätten vorstellen können, dann tröstet mich das“, gibt sich Regisseur Marcel Kohler im Interview mit Deutschlandfunk Kultur optimistisch. Denn Not macht eben vor allem eines: erfinderisch. Da wird ein Bildschirm, wie im Fall von Sebastian Kremkow, kurzerhand mit einer Gabel befestigt oder ein Laptop auf Büchern und Brettspielen drapiert, stets in der Hoffnung, dass die Konstruktion nicht wie im Mikado beim leichtesten Luftstoß in sich zusammen fällt.

Manch einer kann die Sache schon mit professionellerem Equipment angehen, Berit Vander wartet beispielsweise mit einem Blitzschirm auf, wie man ihn aus Fotoshootings aus dem Fernsehen kennt. Oder aus Streams. Bald schon wird man auch die Do it yourself-Bühnenbilder unserer Studierenden im Internet sehen. Set-Designs, die die Grenze zwischen Fiktion und Realität auf bis dato nicht dagewesene Weise verwischen. Denn: Wo fängt das Bühnenbild denn nun an und wo hört es auf, wenn man in seiner eigenen Wohnung vor dem Laptop sitzt, wie man es jeden Tag mehrere Stunden macht, nur mit dem Unterschied, dass einem jetzt die ganze Welt dabei zusehen kann? Und ist das noch modisches Accessoire oder schon Requisit, wenn die Sonnenbrille neben einem liegt und von draußen ein überraschend warmer Frühlingstag grüßt?

Am Ende eines langen Probentags im heimischen Wohnzimmer liegt ein lila gefärbtes Abschminktuch neben Tamara. Das Überbleibsel einer Verwandlung von der Couch aus. Theater war noch nie so einfach. Und noch nie so schwer zugleich.

Wer das Ergebnis in seiner ganzen Pracht bewundern möchte, kann dies am 16. April tun. Dann nämlich feiert Wir sind noch einmal davongekommen um 19.30 Uhr seine virtuelle Premiere auf unserem YouTube Kanal.



(*Hinweis: Allein aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten ausnahmslos für beide Geschlechter.)


Wir sind noch einmal davongekommen
Theaterstück von Thornton Wilder

Videokonferenz-Livestreaming:
Donnerstag, 16. April 2020, 19.30 Uhr
auf 
https://youtu.be/KcOXN5JM1A8

Werkeinführung um 19.25 Uhr

Empfohlen ab 14 Jahren


Inszenierung und Bühne  Marcel Kohler
Kostüm  Natalie Soroko
Dramaturgie  Peter Sampel
Akustische Regie  Nils Strunk
Digitale Konzeption und Videodesign  Thilo David Heins
Streaming-Operator  Stefan Arndt
Sounddesign und Liveton-Mischung  Georgios Maragkoudakis
Licht  David Jäkel
Regieassistenz und Abendspielleitung  Benjamin Kohler
Regiehospitanz  Marie Fuchs

Mit Aydin Aydin, Oscar Bloch, Sebastian Kremkow, Luiza Monteiro, Steffen Recks, Sandra Julia Reils, Tamara Romera Ginés, Fabio Savoldelli und Berit Vander

Theaterakademie August Everding und Hochschule für Musik und Theater München mit dem Studiengang Schauspiel (Leitung: Prof. Jochen Schölch)

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